Manchmal ist Sexsucht nur eine Ausrede für Seitensprünge. Wirklich kranke Menschen setzen für sie alle Sozialkontakte und den Job aufs Spiel. Die Sucht verursacht bei den Betroffenen einen großen Leidensdruck.
Thomas ist trocken. Er hat nun schon seit mehreren Monaten keinen Sex mehr gehabt. Weder mit Partnern noch allein. „Es ist möglich, ganz ohne Sexualität zu leben“, sagt er heute. Das sah der 27-Jährige nicht immer so. Schon als Teenager hatte er angefangen, sich regelmäßig selbst zu befriedigen. Immer öfter, mehrmals am Tag. Schaute laufend Pornos. War an Wochenenden ständig unterwegs, um neue sexuelle Abenteuer zu erleben. „Ich habe mein ganzes Selbstwertgefühl darauf aufgebaut.“
Als er einmal versuchte, zwei Wochen ohne Pornografie und Selbstbefriedigung auszukommen, merkte er erstmals, dass etwas mit ihm nicht stimmte. „Mit 24 Jahren habe ich schließlich erkannt, dass ich sexsüchtig bin.“ Sexuelle Handlungen waren nur noch eine Droge. Völlig benebelt sei er gewesen, er konnte nicht mehr klar denken. Konnte sich in der Arbeit nicht mehr konzentrieren und motivieren, weil er mit dem Kopf ständig dabei war, sich mit der Befriedigung seiner sexuellen Lüste zu beschäftigten.
Sucht enthebt der Verantwortung. Sexsucht – ein Begriff, der bei prominenten Seitenspringern in Mode war. Zuletzt etwa, als die außerehelichen Affären von Golfer Tiger Woods aufflogen. Da zeigte er sich reumütig, sprach von einer Sexsucht, die ihn zu den Affären getrieben hätte – und zog sich in eine Luxusklinik zurück, um sich dort therapieren zu lassen. Das System, das Experten dahinter vermuten: Ein auffälliges Sexualverhalten wird als Sucht deklariert, die dann als Entschuldigung vorgeschoben wird. Schließlich ist man dann kein Charakterschwein, sondern einfach nur ein kranker Mensch. Und für die Seitensprünge ist man somit auch nicht mehr selbst verantwortlich, so die Logik.
Doch abseits der sexuellen Eskapaden von Schauspielern, Sportlern oder Politikern, die sich hinter dem Begriff der Sucht verstecken, gibt es tatsächlich Menschen, die ein Problem mit Hypersexualität – aus wissenschaftlicher Sicht der korrektere Terminus – haben. Darunter versteht man ein behandlungsbedürftiges Störungsbild, das bei den Betroffenen einen großen Leidensdruck verursacht.
„Im Tun wird keinerlei Befriedigung erfahren“, sagt der Wiener Sexualpädagoge Dieter Schmutzer. Dadurch, dass man diese Befriedigung nicht erfahre, erliege man aber dem Trugschluss, dass man die Dosis erhöhen müsse. Im Fall der Hypersexualität bedeutet das nächtelanges Betrachten von Pornografie im Internet, ständig neue und flüchtige Sexualkontakte, bis hin zur Nutzung von Prostitution. „Man begibt sich in eine psychische Abhängigkeit“, sagt Schmutzer. „Und man verliert die Kontrolle.“
Wer ein ausschweifendes Sexualleben hat, muss demnach also noch lange nicht sexsüchtig sein. Erst wenn sich dahinter nur mehr emotionale Leere verbirgt und der Sex zum Selbstzweck wird, der nicht mehr genussvoll erlebt wird, dann kann man zu Recht von einem Suchtverhalten sprechen. Ähnlich wie bei der Drogensucht gibt es dabei unterschiedliche Intensitäten. Die einen bleiben bei Internetpornos, die anderen steigern ihre Dosis immer weiter, bis hin zu homosexuellen Kontakten – auch als heterosexuell empfindender Mensch –, nur um die Lüsternheit zu befriedigen. Dazu kommen, wie beim Drogenkonsum, noch weitere Folgen: Man isoliert sich sozial, vernachlässigt Freunde, oft scheitert daran eine Beziehung. Auch der Arbeitsplatz kann gefährdet sein, wenn die Sucht zu Unpünktlichkeit oder Fehlern führt.
Wenn der Betroffene einen so großen Leidensdruck verspürt, dass er sich seine Sucht eingesteht, kann ihm geholfen werden. Das kann etwa in Form einer Psychotherapie passieren. Hier geht es vor allem darum, sein Suchtverhalten zu kontrollieren. Was nicht so leicht ist, denn während es bei Alkohol, Nikotin oder Spielsucht zumutbar ist, abstinent zu sein, ist eine völlige Libido-Enthaltsamkeit für viele unvorstellbar. „Der Fokus muss weg vom Orgasmus“, sagt Schmutzer. „Dafür mehr in Richtung, wieder begehrend zu spüren.“ Etwas, was Sexsüchtige oft verlernt haben.
Sex nur mehr in der Ehe. Doch nicht alle Betroffenen fühlen sich von Therapeuten verstanden. Und suchen Halt in Selbsthilfegruppen. Thomas etwa entdeckte die „Anonymen Sexaholiker“ für sich. Die Gruppe arbeitet ähnlich wie die Anonymen Alkoholiker. In regelmäßigen Meetings berichten die Betroffenen – vor allem Männer – über ihre Erfahrungen. Dadurch lernt man, ehrlich über sein Problem zu sprechen. Denn nur über Ehrlichkeit lässt sich der Weg aus der Sucht finden.
Im Fall der „Anonymen Sexaholiker“ kommt auch noch ein weiterer Aspekt dazu – der Glaube an eine höhere Macht. „Früher war ich Atheist“, sagt Thomas. „Aber durch das Programm habe ich zum Glauben gefunden.“ Angst vor einem Rückfall hat Thomas nicht. Wird er in Versuchung geführt, etwa durch ein Plakat, spricht er ein Gebet. Oder er ruft einfach einen anderen Betroffenen an oder schreibt ein SMS. „Wichtig ist: Man darf nicht allein sein mit den Gedanken.“
Mittlerweile hat er aber noch eine weitere Stütze: Seit einigen Wochen ist Thomas standesamtlich verheiratet. Und seine Frau, die seine Vorgeschichte kennt, steht hinter ihm. Sex mit ihr hatte er bisher noch nicht. Damit will er noch warten, bis sie kirchlich getraut sind. Denn bei den Anonymen Sexaholikern muss man im Gegensatz zu den Anonymen Alkoholikern nicht völlig abstinent bleiben. Im Gegenteil, auch Sexsüchtige dürfen, ja sollen ihre Sexualität ausleben. Aber eben nur innerhalb der Ehe. Dann gilt man wirklich als trocken.