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Strauss-Kahn: Was geschah wirklich in der Suite 2006?

(c) REUTERS (ALLISON JOYCE)
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Nach der Entlassung Strauss-Kahns auf freien Fuß steigen die Chancen auf eine Niederschlagung des Verfahrens. Während der Ex-IWF-Chef seine Freiheit feierte, häufen sich die Zweifel an seinem angeblichen Opfer.

In der Franklin Street 153 in Lower Manhattan ging die Feier des Unabhängigkeitstags schon ein wenig früher in Szene. Ein Dutzend blaue, rote und weiße Luftballons und – quasi als Krönung – eine aufgeblasene Freiheitsstatue wurden am Freitag an die Adresse im schicken Tribeca-Viertel abgeliefert. Ein wohlwollender Freund – oder ein Spötter? – hatte auf einem Kärtchen vermerkt: „Genieße deine Freiheit am Unabhängigkeitstag“. Diesmal nahm der Hausherr das Geschenk an, vor wenigen Wochen hatte er einen aufgeblasenen Hai mit gezacktem Gebiss zurückgewiesen.

Dominique Strauss-Kahn, der unfreiwillige Mieter des luxuriösen Townhouse, dessen Miete sich auf 50.000 Dollar beläuft, hatte am Wochenende der US-Independence-Day-Party allen Grund zum Feiern. Nur ganze sieben Minuten hatte Freitagmittag die Vorladung vor Gericht gedauert, bis er nach sieben langen Wochen zuerst in einem Bezirksgefängnis in East Harlem, danach auf der Gefängnisinsel Rikers Island und schließlich unter Hausarrest wieder ein halbwegs freier Mann war. „Danke, Euer Ehren“, sagte er am Ende der Einvernahme zu Richter Michael Obus, der ihn indes ermahnte, zum nächsten, für den 18.Juli anberaumten Gerichtstermin zu erscheinen.


Juristischer Etappensieg. Mit einem schmalen Lächeln kostete der französische Exchef des Internationalen Währungsfonds den juristischen Triumph aus. Zu einer Stellungnahme ist er erst nach Abschluss des Verfahrens und auf französischem Boden bereit. Einstweilen schnupperte er mit seiner Frau, der prominenten Ex-TV-Journalistin Anne Sinclair, den Duft der neu gewonnenen Freiheit mit einem Dinner im Edelrestaurant Scalinatella an der noblen Upper East Side. Ein Paar habe ihm, so berichtete eine Augenzeugin, spontan zu der Freilassung gratuliert.

Später verließ Strauss-Kahn sein aufgezwungenes New Yorker Exil mit vorerst unbekanntem Ziel. Womöglich kehrte er in sein Haus im feinen Washingtoner Viertel Georgetown zurück, das seit seiner abrupten Festnahme in der ersten Klasse einer Air-France-Maschine am 14.Mai leer stand. Das Gericht hat seinen Pass eingezogen, bis zum Ende des Prozesses muss er sich in den USA aufhalten. Das Verfahren könnte allerdings schneller zu Ende gehen, als der Anklage lieb ist. Viele Rechtsexperten geben der Klage wegen sexuellen Missbrauchs und versuchter Vergewaltigung kaum eine Chance.

Die Kronzeugin, so lautet der Tenor, würde einem harten Kreuzverhör Benjamin Brafmans, des Staranwalts Strauss-Kahns, nicht standhalten. Der nächste Schritt werde die Niederschlagung der Anklage sein. Der Anwalt hat vor Gericht Promis wie Michael Jackson, die Rapper Sean Combs und Jay-Z durchgeboxt. Nachtklubkönige und Footballstars zählen zu seinen Klienten. Der Ex-Staatsanwalt und CNN-Rechtsexperte Jeffrey Toobin hält ihn für „den besten Strafverteidiger, den ich je gesehen habe“. Vor einem Monat hat Brafman in einem Schreiben an die Staatsanwaltschaft bereits geunkt: „Würden wir die Medien mit Informationen füttern, würde dies die Anklage und die Glaubwürdigkeit der Klägerin gravierend unterminieren.“

Verteidiger Kenneth Thompson zeigte sich unbeirrt. „Meine Mandantin hat Fehler gemacht. Das heißt aber nicht, dass sie nicht Opfer geworden ist.“ Er gab sich freilich besorgt, dass die Staatsanwaltschaft trotz gegenteiliger Beteuerungen zu ängstlich sei, die Ermittlungen weiterzuführen – aus Furcht davor, einen hochkarätigen Prozess zu verlieren. Die Staatsanwaltschaft muss tatsächlich eine Blamage befürchten. Manhattans Oberstaatsanwalt Cyrus Vance jr. erlitt jüngst eine peinliche Niederlage. Zwei Cops waren vom Vorwurf freigesprochen worden, eine betrunkene Autofahrerin vergewaltigt zu haben.

Im Laufe der Ermittlungen ist die Glaubwürdigkeit der Klägerin arg zerbröselt. Die 32-Jährige log bei ihrem Asylantrag, als sie sich als Opfer einer Vergewaltigung durch Soldaten in ihrer afrikanischen Heimat ausgab; sie schwindelte bei der Steuererklärung, als sie eine zweite Tochter angab; und sie kehrte nach der angeblichen Sexattacke zu Aufräumarbeiten in die Suite 2006 des Sofitel zurück, obwohl sie zuerst behauptet hatte, sie habe sich im Flur versteckt. In der „New York Post“ wurde nun sogar die Spekulation laut, sie habe neben ihrem Job als Zimmermädchen als Prostituierte gearbeitet. Besonders belastend ist ein abgehörtes Telefonat mit einem Freund, der als Drogendealer in einem Gefängnis in Arizona schmort. „Mach dir keine Sorgen. Der Kerl hat genug Geld. Ich weiß, was ich tue“, sagte sie im Fulani-Dialekt ihres Heimatlandes Guinea. Sein Faible für Frauen könnte ihn zu Fall bringen, hatte Strauss-Kahn vor der Affäre georakelt. Jetzt tut sich die Chance für ein Polit-Comeback auf.

Chance bei Präsidentenwahl? Bei den französischen Sozialisten werden auch schon Stimmen laut, dem Ex-IWF-Chef bei den Präsidentenwahlen im kommenden Jahr noch eine Chance zu geben. Nichts solle Strauss-Kahn daran hindern, bei den Vorwahlen im Herbst zu kandidieren, sagte der Ex-Parteichef der Sozialisten, François Hollande, in einem Zeitungsinterview. Indirekt sprach er sich damit für eine Verlängerung der Anmeldefrist in seiner Partei aus, die bisher mit 13.Juli fixiert war.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.07.2011)