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Wenn Maler und Mysterien-Orgiasten in die Oper gehen

Symbolbild
(c) EPA (Matteo Bazzi)
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Das Thema bildende Kunst und Musiktheater ist nicht erst seit Hermanns Nitschs Wiener "Hérodiade" von Jules Massenet aktuell. Damals staunten sämtliche Beobachter über den einhelligen Jubel des Publikums.

Hermann Nitsch hat wieder einmal ein Opernhaus für seine Ausstattungsshow genutzt. Wien hat ja seinerzeit den Anfang gemacht, als es um „Hérodiade“ von Jules Massenet ging. Damals staunten sämtliche Beobachter – inklusive Operndirektor und wohl auch Nitsch selbst – über den einhelligen Jubel des Publikums, das sich von Schüttbildern längst nicht mehr aus der Fassung bringen lässt.

Der Orgien-Mysterien-Guru, der es peinlich vermied, blutige Details seiner persönlichen Dramaturgie auf die Bühne zu bringen, war dann hörbar verärgert, dass Wiens Ex-Direktor Ioan Holender ihm nicht Wagners „Parsifal“ anvertraute, der doch – zumindest laut Nitschs Eigendefinition – so viel mit seinem persönlichen „Gesamtkunstwerk“ zu tun hätte.

Gesamtkunstwerk: einst und jetzt. Wie auch immer, „Parsifal“ war von Anbeginn eng mit bildnerischen Assoziationen verknüpft. Werke Paul von Joukowskys inspirierten den Dichter-Komponisten Wagner und führten zum Engagement des Künstlers: Joukowsky entwarf für die Bayreuther Uraufführung des „Bühnenweihfestspiels“ die Dekors.

Der legendäre Gralstempel dieser Erstproduktion kehrte als Zitat in der aktuellen Festspielinszenierung Stefan Herheims übrigens wieder auf die Bühne zurück.

Fasziniert von Richard Wagners avantgardistischen, alle Künste einschließenden Theatervisionen war auch der Schweizer Architekt Adolphe Appia, der gegen die auch von Wagner selbst konstatierte Diskrepanz zwischen künstlerischer Fantasie und szenischer Realität anzukämpfen versuchte. Mit seinen theoretischen Schriften über künftige Möglichkeiten der Raumgestaltung trug Appia viel zur Überwindung der klassischen, perspektivischen Bühnenbilder bei.

Er träumte von „rhythmischen Räumen“, skizzierte detaillierte Regiebücher, für den „Ring des Nibelungen“ ebenso wie für andere Wagner'sche Musikdramen.

Seine kunsthistorisch bedeutsamen Entwürfe für einen neuen Bayreuther „Parsifal“ aber lehnte die Komponisten-Witwe Cosima ab. Legendär ist allerdings bis heute Appias Produktion von „Tristan und Isolde“, deren Premiere im Jahr 1937 niemand Geringerer als Arturo Toscanini am Dirigentenpult betreute.

Appias Vorstellungen wirkten bis weit hinein ins zwanzigste Jahrhundert und prägten noch die Bühnenrevolutionen eines Wieland Wagner entscheidend mit. Ähnlich wichtig für die Theatergeschichte war freilich auch das Engagement Alfred Rollers durch den Opern-Direktor Gustav Mahler. Der geniale Komponisten-Dirigent und Roller, Secessions-Mitglied und zeitweilig auch -Präsident, schufen mit ihrem „Tristan“ eine Symphonie aus Klang, Raum und Licht, ohne die das Musiktheater der Moderne nicht geworden wäre, was es ist.

Pablo Picassos Einstand.
Nur wenige Jahre später holt der geniale Impresario Serge Diaghilev für seine Pariser „Ballets Russes“ den jungen Pablo Picasso ins Theater. „Parade“, mitten im Ersten Weltkrieg entstanden, führte zum legendären Zusammenspiel genialer Kräfte: Leonid Massine schuf die Choreografie, Picasso die Dekorationen, Erik Satie die Musik; und Jean Cocteau war der Spielmacher. Man ließ sich nicht dadurch irritieren, dass Picassos Pappmaché-Kostüme Diaghilevs Tänzer erheblich in ihrer Bewegungsfreiheit einschränkten.

Die Premiere, 1917 im Théâtre du Châtelet, galt als eine Art Initialzündung für die Musik- und Tanz-Avantgarde, der 1920 mit „Pulcinella“ zu Igor Strawinskys neobarocker Musik (nach Originalen von Giovanni Battista Pergolesi und anderen Meistern) sehr zur Verblüffung aller Beobachter eine Neubelebung der italienischen Commedia dell'arte folgte.

Picasso beschränkte sich dann in seinen theatralischen Ambitionen nicht nur auf das Ballett. Für Jean Cocteaus Neu-Dichtung von Sophokles' „Antigone“, die Arthur Honegger komponierte, schuf er 1922 ein Opern-Bühnenbild, zu dem Coco Chanel die Kostüme beisteuerte.

Bevor die Ära der Postmoderne anbrach – in der nicht nur Hermann Nitsch auf die Staatsopern-Bühne fand, sondern beispielsweise Alfred Hrdlicka Skulpturen für den „Ring des Nibelungen“ in Meiningen schuf, zu dessen Bühnenbild er auch mit einigen seiner Zeichnungen Anregungen gab – sah man in Wien einen fantastischen Realisten als szenischen Gestalter: Ernst Fuchs war Ausstatter von John Neumeiers grandioser „Josephslegende“ (nach Richard Strauss). Diese Produktion wurde auch via Film für die Ewigkeit dokumentiert.

Fuchs stattete danach unter anderem auch „Parsifal“ in Hamburg und „Lohengrin“ in München aus. Außerdem entwarf er mehrmals Dekors für Mozarts „Zauberflöte“, eine andere Lieblingsoper bildender Künstler. Auch Kollege Arik Brauer widmete sich Mitte der Siebzigerjahre Papageno, Sarastro und Co: Ihn holte Rolf Liebermann an die Pariser Oper, der Auftraggeber von Olivier Messiaens „St. François d'Assise“. . .

Die KunstSTars

Pablo Picasso
wurde 1917 vom legendären Impresario Serge Diaghilev für das Musiktheater „erfunden“. Zu seinen berühmtesten Arbeiten dieses Genres zählen die Dekors für „Pulcinella“ und „Dreispitz“.

Herman Nitsch
setzte mit Massenets „Hérodiade“ 1995 an der Wiener Staatsoper erstmals eine Oper in Szene.

Ernst Fuchs
entwarf für die Wiener Staatsoper die Ausstattung für Richard Strauss' „Josephslegende“ und widmete sich dann u. a. Wagners „Lohengrin“, „Parsifal“ und – wie sein Kollege Arik Brauer – Mozarts „Zauberflöte“.

OpernKunst

1882
„Parsifal“ in Dekors Paul von Joukowskys

1903
„Tristan“ unter Mahler in Bühnenbildern von Alfred Roller in Wien

1922
Picasso stattet in Paris „Antigone“ (Cocteau, Honegger) aus.

1923
„Tristan“, inszeniert von Adolphe Appia in der Mailänder Scala unter Arturo Toscanini

1977
John Neumeier belebt in Wien Richard Strauss' „Josephslegende“ in Dekors von Ernst Fuchs neu.

2000
In Meiningen hat Wagners „Ring“, ausgestattet von Alfred Hrdlicka Premiere.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.07.2011)

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