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Verlegergeneration: Schrille Bilder, laute Worte

(c) Clemens Fabry
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Die neue Verlegergeneration lässt das alte Klischeebild hinter sich. Sie ist frech und eigensinnig. Manche mögen Partys, andere horten Glücksschweine. Aber sie alle versuchen, am Büchertisch nicht unterzugehen.

Hin- und herwippen im Schaukelstuhl, dazwischen mal an der Pfeife ziehen. Das Klischeebild des ergrauten Verlegers hat die Gegenwart längst grellbunt übermalt. „Die neue Generation ist laut und frech, feiert wilde Partys und drückt auf die Hupe“, sagt Vanessa Wieser, eine Hälfte des „Milena“-Verlags. Gemeinsam mit Evelyn Steinthaler sind sie laut Eigenangaben die „einzig ernst zu nehmenden österreichischen Independent-Verlegerinnen“. So wild und partyaffin wie in Deutschlands Verlagsszene geht's in Österreich dann doch noch nicht zu. Aber laut, frech und „indie“ wollen die Verlegerinnen allemal sein.


Derb und deftig. Im „Milena“-Verlag in der Wiener Wickenburggasse liegt kein Staub auf den Büchern. Und wenn, dann wird er schnell aufgewirbelt. Das Kastenfenster dient als Schaufenster, die Bücher stecken in einem Duschvorhang und an der pinken Wand hängt ein Rehbockgeweih – und der Spruch: „Was ein richtiges Buch ist, das muss den gesamten Haushalt durcheinanderbringen.“ Mit Titeln wie: „How I fucked Jamal. Warnung: Kann Spuren von Vögeln enthalten“ oder „Wenn das der Führer wüsste“ dürfte ihnen das mitunter schon gelingen. „Wir sind derb und deftig“, sagt Wieser. Seit 2007 verlegt sie gemeinsam mit Steinthaler Literatur oder „heftige Bücher für heftige Menschen“, wie sie sagt. Zeitgeschichte zum Beispiel oder zeitgenössische Literatur, humoristische Texte und Poetry Slam.

Pro Tag trudeln fünf Manuskripte in den Verlag, allein die beiden entscheiden, was in die Druckerei und was in den Papierkorb kommt. Nicht zuletzt deshalb hat das Label mit einem Riesenverlagsapparat wenig gemein. Das wirft die Frage auf: Ist Milena deshalb schon „indie“? „Schwer zu beurteilen“, sagt Wieser. „Es kennt sich ja keiner mehr aus. Independent ist ein Modebegriff geworden. Was man aber sagen kann ist, dass ,Indies‘ einerseits unabhängig sind. Das heißt, es gibt keine Hoch- und Tiefbaufirmen, denen der Verlag gehört und der die Preise diktiert.“ Andererseits gehe es bei „Indies“ schon auch um eine gewisse Haltung, sagt die Branchenexpertin Lucia Schöllhuber, die in der deutschsprachigen Literaturszene forscht und ihre Doktorarbeit an der Uni Leipzig über Independent-Verlage schreibt: „Im Begriff schwingt Zeitgeist mit. Herzblut, Leidenschaft und Prärie.“ Es sei eigentlich „irre“, so Bücher zu machen. „Denn die Jungverleger arbeiten rund um die Uhr und opfern sich total auf“, sagt sie. Wofür? Mit Sicherheit nicht für Geld allein.

Auffallen ist Pflicht für kleine Verlage. Mit einem ungewöhnlichen Cover zum Beispiel. „Bücher aus dem Milena Verlag erregen Aufmerksamkeit, nicht nur mit dem, was man zwischen den Buchdeckeln findet, sondern auch darauf“, so Schöllhuber. Gemeinsam mit dem Comic-Künstler Jürgen Vogeltanz entwerfen die beiden Verlegerinnen von „Milena“ eigensinnige Grafiken. Da darf auch mal eine Massensexorgie oder eine Handgranate in der Gebärmutter dabei sein. Schließlich sind schrille Buchdeckel nicht nur Eyecatcher, sondern auch eine Imagekampagne für den Verlag. Schöllhuber: „Das Cover ist absolut entscheidend – und für ,Indies‘ auch eine Möglichkeit, sich abzuheben. Denn es sind Bücher für Bibliophile, die man gern zur Hand nimmt. Und die auch Möbelstücke sind.“

Freilich sind die Geschmäcker auch am Deckel eines Buches verschieden. „Manchen sind unsere Covers viel zu bunt und zu trashig“, erzählt Steinthaler. Egal, meint sie. Was zähle, sei der Effekt. „Wenn man kein fettes Marketingbudget hat, muss man laut auf sich aufmerksam machen, um am Buchtisch nicht unterzugehen“, so Wieser. Das Cover ist aber nur eine Form der Selbstinszenierung. Vor allem weil man Verlagsmenschen nachsagt, die bestgekleideten aus der Kreativbranche zu sein. Ist das wirklich so? „Es leuchtet zumindest ein“, meint Schöllhuber. „Denn jeder Verlag wirft ja auch seine Bücher in Schale.“

Die Inszenierung, die sie bei Büchern beherrschen, setzen die Verlage auch in ihren Showrooms um, in denen sie die Werke ins rechte Licht rücken. Und auch das tun sie ihrem Image – oder ihrem geringen Budget entsprechend – betont lässig. Manchmal sind die Verlagssitze Wohnungen oder Bürogemeinschaften mit anderen Kreativen. Die Verleger des deutschen Indielabels „Blumenbar“ etwa haben in den Anfängen des Verlages regelmäßig ihre Wohnung komplett ausgeräumt, damit Platz wird für eine Party inklusive Lesung, erzählt Schöllhuber.

Mehrzweck. Der Verlagssitz muss nicht immer gleich Partylocation sein. „Das fröhliche Wohnzimmer“ sitzt in einem Geschäft und Glücksschweinmuseum zugleich. „Vom Schwein zum Buch ist es vielleicht ein weiter Weg. Aber er funktioniert“, lacht die Verlagschefin Ilse Kilic. Schließlich sei die Sau ein sehr listiges Tier, das immer auf der Suche nach Trüffeln ist. „Und das sind wir ja auch mit unserer Literatur.“

So sitzen sie und der Verleger Fritz Widhalm mehrmals in der Woche zwischen hunderten Schweinen und Büchern und freuen sich, wenn mal die Porzellansau klingelt, dann kommen Besucher. Leben können sie noch nicht vom Verlegerdasein, aber das war ohnehin noch nicht geplant. „Schließlich verlegen wir Texte, die sich schwertun am Markt, wie etwa visuelle Poesie“, sagt Widhalm. Umso wichtiger ist das Museum und die Bindung an die Leute, sagt er.Denn wenn man jemanden mag, bindet das. Dann kommt der wieder ins Geschäft.

Kleine Verlags- welt

Milena-Verlag
Wickenburgstraße 21, 1080 Wien, www.milena-verlag.at

„Das Fröhliche
Wohnzimmer“

Florianigasse 54,
1080 Wien,
Di, Do, Fr: 15.00–18.30, www.dfw.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.07.2011)