Makkabi-Spiele: Die Wiedergeburt der jüdischen Fitness

(c) Terea Zötl

Die Macher der Makkabi-Spiele betonen den sportlichen Aspekt, für die heimischen Teilnehmer steht mehr auf dem Spiel als Pokale: die Festigung einer jungen jüdischen Identität für die Stadt - samt Außenwirkung.

Beim Futsal geht es hektisch her, beim Kaschern ziemlich heiß. Das eine bezeichnet eine spezielle Art des Hallenfußballs, die bei den Wiener Makkabi-Spielen kommende Woche gespielt wird, das andere die Reinigung einer Küche für koscheres Kochen – vor allem Details wie Letzteres werden vielen nichtjüdischen Wienern in den kommenden zwei Wochen vielleicht zum ersten Mal unter- oder besser: näherkommen. Denn mit der offiziellen Eröffnung der Spiele am 6.Juli beginnt die weltweit größte jüdische Sportveranstaltung zum ersten Mal in einem deutschsprachigen Land, noch dazu in einem Land, das Teil des Nazi-Reichs war.

Damit wird Wien zwischen 5. und 13.Juli so jüdisch sein wie schon lange nicht mehr – 2000 jüdische Sportler kommen aus aller Welt, viele gemeinsam mit ihren Familien, am 6.Juli gibt es ein großes Eröffnungsfest am Rathausplatz. Unter der Aufsicht eines Rabbiners werden für sie rund 35.000 koschere Portionen in einer Großküche beim Austria Center zubereitet, das Fleisch liefern vier koschere Fleischer aus Wien Leopoldstadt.

Und obwohl die Organisatoren vor allem den sportlichen Aspekt der Spiele betonen, ist die Wahl von Wien als Austragungsort vor Stockholm und St.Petersburg doch ein Politikum: Beworben hatte sich Österreich bereits einmal während der Präsidentschaft von Kurt Waldheim – danach brauchte es mehr als 20Jahre und eine beherzte Videobotschaft des Wiener Bürgermeisters Michael Häupl, um das Komitee zu überzeugen. Die Wiedereröffnung des Hakoah Sportzentrums an seinem Originalstandort im Prater 2008 hatte nach langwierigen Restitutionsverhandlungen wohl auch entscheidenden Einfluss.

Aus sportlicher Sicht sind die Makkabi-Spiele vor allem eine Veranstaltung, bei der sich Amateure an der großen Aufmerksamkeit und den prominenten Austragungsorten erfreuen. In und rund um Wien ist das vor allem das jüdische Sportzentrum Hakoah im Prater, aber auch das Ernst-Happel-Stadion und der Golfclub Fontana. Zwar mischt sich, etwa mit der ungarischen Schachspielerin Judith Polgar oder Ex-Schwimmvizeweltmeister Maxim Podoprigora, vereinzelt Prominenz unter die Teilnehmer – die überwiegende Mehrheit sind jedoch Hobbysportler, die von jüdischen Sportvereinen in der ganzen Welt entsandt werden (am größten ist die britische Mannschaft, gefolgt von der deutschen und der österreichischen), ein Teilnehmer kommt aus Guinea-Bissau, ein anderer aus Gibraltar.

Distanzen wie diese machen deutlich, dass es bei den Makkabi-Spielen aus gesellschaftlicher Sicht um weit mehr geht als nur sportlichen Kampfgeist: Alle zwei Jahre, alternierend in Israel und anderen europäischen Ländern, lässt die internationale jüdische Community sich hochleben, für viele Teilnehmer ist es ein Treffen unter alten Freunden, ein Knüpfen und Stärken von Kontakten. Das gilt auch für die 200 österreichischen Teilnehmer.

Nicht nur Sport. Jair Zelmanovics, der die österreichische Delegation leitet und die Teammitglieder nominiert hat, ist einer von ihnen. Der 33-Jährige ist Geschäftsführer eines familiären Unternehmens, das elektronische Haushaltsgeräte vor allem an den osteuropäischen Markt liefert. Bei den Makkabi-Spielen wird er als Tischtennisspieler auftreten. Mit seiner Teilnahme an den vergangenen sieben Spielen ist er ein leidenschaftlicher Makkabi-Routinier, der sich auch hier in Wien auf seine alten Tischtennisfreunde aus aller Welt freut. Und sicher: Einem, der nach eigenen Angaben abgesehen von den klassischen Feiertagen „nicht religiös“ ist und seit seinen Jugendjahren an Wettkämpfen teilnimmt, geht es auch diesmal um den Sport. Aber nicht nur: „Meine Onkeln, Tanten und Cousins leben alle in Israel, für mich geht es auch darum, meinen Wurzeln näherzukommen“, so Zelmanovics. Und nicht nur das: Obwohl aus seiner Perspektive die Spiele an der ohnehin aktiven jüdischen Gemeinde in Wien wenig ändern, denkt er auch an das nicht-jüdische Wien: „Vielleicht können die Spiele auch an dem Mythos etwas ändern, dass jüdische Leute nur Menschen mit schwarzen Hüten und Mänteln sind, das stimmt ja nicht.“ Er selbst jedenfalls bewegt sich in Wien sowohl in jüdischen als auch nichtjüdischen Kreisen – seine ehemals getrennten Freundeskreise hätten sich über die Jahre (und bei einigen Partys) längst einander angenähert.

Politische Dimension. Eine der wenigen Frauen im österreichischen Team ist Hannah Lessing. Als Generalsekretärin des österreichischen Nationalfonds für die Opfer des Nationalsozialismus sieht sie die Makkabi-Spiele naturgemäß politischer als Teamkollege Zelmanovics. Zwar geht sie als leidenschaftliche Golferin durchaus mit Kampfgeist auf den Platz, der Grund für die Euphorie der 48-Jährigen liegt jedoch tiefer: Bei Besuchen in Schulen ist sie immer wieder mit den Assoziationen junger Menschen mit dem Judentum konfrontiert – diese seien dank Fotos von Leichenbergen in Lehrbüchern oft negativ, vor allem aber durch den Blick in die Vergangenheit geprägt. „Bei den Makkabi-Spielen wird man viele junge, fesche Mädels und Burschen sehen, die Sport treiben und feiern“, so Lessing, „dieses Bild hatte man von den Juden bisher nicht.“ Sie selbst bezeichnet sich nicht als streng religiös, einen kleinen Davidstern trägt sie jedoch immer – als glänzenden Anhänger an der Halskette, „ein Bekenntnis wie andere das Kreuz tragen“.

Deutlich größere Bälle als Hannah Lessing wird der 28-jährige Yair Barzilai kommende Woche abschlagen – beim Futsal, also Hallenfußball. Barzilai hat die vergangenen acht Jahre in den USA gelebt, studierte in New York Volkswirtschaft und arbeitete als Aktienanalyst. Seine Rückkehr nach Wien hat er zeitlich extra mit den Makkabi-Spielen abgestimmt, die Teilnahme in Anwesenheit von Freunden und Familien sei für ihn immer „ein Traum“ gewesen. Wie sich Wien während seiner Abwesenheit verändert hat? „Es ist kulturell viel bunter geworden, einfach anders – für mich stimmt das wirklich, dieser Slogan vom Rathaus, Wien ist anders.“ Persönlich berührt ihn dabei vor allem das Wachstum der jüdischen Gemeinde: „Als Kind war es eine Realität, im jüdischen Leben im Vergleich zu anderen Großstädten eingeschränkt zu sein“, so Barzilai. Jetzt sei er quasi Zeitzeuge, aber im positiven Sinn – ein Zeuge des „Aufschwungs“ der jüdischen Gemeinde, wie Barzilai es nennt. Die Festlegung in den Statuten des Makkabi-Weltverbands, dass nur Juden an den Spielen teilnehmen können, hält er für notwendig – vor allem, um den deutlich jüdischen Charakter der Spiele nach außen zu erhalten. Sein Teamkollege Yaron Gerendas, der bei den Spielen Tennis spielt, stimmt ihm im Prinzip zu. Aber wäre es nicht auch kulturell spannend, interessierte nichtjüdische Sportler zu den Spielen zuzulassen? Einen kleinen Anteil, das könne er sich vorstellen, vor allem aber aus wettkampftechnischen Gründen: „Wenn man ein gewisses sportliches Niveau halten will, sollte man die guten nichtjüdischen Sportler auch zulassen“, so Gerendas. Schließlich stehen jüdische Sportvereine ja längst für alle offen – der Wiener S.C. Hakoah ist einer davon.

Gerade mit dem S.C. Hakoah, der die österreichischen Teilnehmer nominiert und der als Austragungszentrum fungiert, kommt auch die Vergangenheit ins Spiel. So sehr auch Makkabi-Organisator Oskar Deutsch den „Blick in die Zukunft“ betont, so ist der Sport in der jüdischen Kultur doch auch als eine Art Protest gegen antisemitische Stereotype verankert: Der erfolgreiche jüdische Athlet als Antithese zum weibischen, schwächlichen Judenbild der Nazis. Nicht umsonst wählte die Hakoah bei ihrer Gründung einen Namen, der übersetzt „Kraft“ bedeutet.

„Ab dem Ende des 19.Jahrhunderts entwickelten sich europaweit jüdische Vereine, die das sogenannte Muskeljudentum (siehe unten stehenden Artikel, Anm.) lebten“, so die Historikerin Pia Schölnberger, „da war es sehr wichtig, auch Erfolge vorzuweisen“. Schölnberger ist Mitherausgeberin des Buches „Mehr als ein Sportverein“, das 2009 zum hundertjährigen Jubiläum des Wiener Sportvereins Hakoah erschien.


Spezielles Rahmenprogramm. Nach der Auflösung jüdischer Vereine durch die Nationalsozialisten wurde die Hakoah im Juni 1945 wieder gegründet. Die konstituierende Sitzung fand in dem nicht mehr existenten „Café Lechner“ in der Wiener Innenstadt statt, federführend waren dabei zwei Fußballer. Dass die Makkabi-Organisatoren so sehr den Blick in die Zukunft forcieren, ist für Historikerin Schölnberger naheliegend. „Es ist nachvollziehbar, dass jüdische Sportvereine sich nicht auf ihre Geschichte reduzieren zu lassen – für die Breitenwirkung der Spiele fände ich es wichtig, den historischen Aspekt nicht außer Acht zu lassen“.

Letzteres geschieht ohnehin nicht, zumindest nicht im Detail der Makkabi-Organisation: Für jene Ehrengäste der Spiele, die zum ersten Mal seit ihrer Vertreibung Wien besuchen, gibt es ein spezielles Rahmenprogramm, für ihre Nachkommen ein „Educational Program“ mit Führungen an die Schauplätze des jüdischen Wien.

Makkabi

Die 13. Makkabi-Spiele finden vom 5.bis 13. Juli in Wien statt. Dabei messen sich etwa 2000Sportler in 19Disziplinen. Der Name Makkabi leitet sich von den jüdischen Freiheitskämpfern, den Makkabäern, ab.

Die Makkabi-Spiele finden erstmals seit 1945 auf deutschsprachigem Boden statt. Sie werden alle vier Jahre abgehalten, alternierend mit der Makkabiade, die alle vier Jahre in Israel stattfindet.

Offiziell eröffnet werden die Spiele am 6.Juli durch Bundespräsident Heinz Fischer im Rahmen eines Festes am Wiener Rathausplatz; mit dabei sind Künstler wie Neil Shicoff und Timna Brauer.

Unter den 19Sportarten sind neben dem am besten besetzten Fußball und Tennis auch Bridge und Badminton vertreten.

www.emg2011.eu

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.07.2011)