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Das war die Spinnerei eines burgenländischen Pfarrers

Am 7.Juli beginnt das Festival von Lockenhaus – zum letzten Mal mit Gidon Kremer als "Vorgeiger" einer illustren Musikergarde.

Als ich das Festival 1981 ins Leben rief, hätte ich niemals zu hoffen gewagt, dass meine Vision von einem Ort, an dem sich Freunde versammeln können, um gemeinsam für Freunde Musik zu machen, zu einem nunmehr weltweit angesehenen, jährlichen Fixstern für Kammermusikfreunde entwickeln würde.“ Mit einem Satz gelingt es Gidon Kremer, das Mirakel von Lockenhaus zu definieren. Niemand hätte Anfang der Achtzigerjahre einen Groschen verwettet, ein kleiner burgenländischer Ort könnte es schaffen, für viele Menschen wenigstens eine Woche lang zum Nabel der Welt zu werden.

Kammermusik! Streichquartett und Co. – die Firma steht ja knapp vor dem Konkurs. Diesem Trend entgegenwirken zu wollen, das war schon damals eine mutige Entscheidung. Zumal es Gidon Kremer und sein musikalisch stets streitbarer Pfarrer Josef Herowitsch ja nicht damit bewenden ließen, der klein besetzten musikalischen Form zu frönen.

Weltklassekünstler kamen nicht nur nach Lockenhaus, um Mozart oder Beethoven zu spielen. Von Anbeginn ging es auch um Musik des 20. (und mittlerweile auch des angehenden 21.) Jahrhunderts, möglichst noch von Komponisten und Komponistinnen, die bis zum Zeitpunkt der Lockenhauser Erweckungstaten keine Chance hatten, international bekannt zu werden.

Anfang der Achtzigerjahre – man vergisst das leicht – herrschte wenige Kilometer von Lockenhaus entfernt und von dort an weit in den Osten hinein der Kommunismus; damit auch der künstlerische Gesinnungsterror.

Niemand wusste das besser als Gidon Kremer. Der Mann aus Lettland, der den Sprung in den Westen geschafft hatte, erinnerte jetzt angelegentlich daran, dass es jenseits des Eisernen Vorhangs exzellente Komponisten gab, die gegen jede Art des Gesinnungsterrors ankämpften, ankomponierten.

Dass Alfred Schnittke einer der bedeutendsten Meister der Postmoderne war, dass es eine Künstlerin wie Sofia Gubaidulina überhaupt gab, dass bedeutende Talente wie Viktor Ullmann oder Erwin Schulhoff der wütenden Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten zum Opfer fielen – das erfuhr die Welt in Lockenhaus. Jedenfalls hörte man erstmals mit entsprechendem Nachdruck die Musik dieser Komponisten.

Wer die Programme studiert, die seit 1981 einstudiert wurden, der weiß, dass diese Aussage kaum übertrieben ist. Kremers Engagement machte aus einem kleinen Ort ein musikalisches Kraftzentrum. Das sprach sich international herum, bald pilgerten Kenner Anfang Juli zum Festival, jeweils ohne zu wissen, wer wann was musizieren würde. Das blieb stets ein Geheimnis. Man vertraute darauf, dass exzellente Interpreten sich großer Musik widmen würden – das war genug. Die Erwartungen wurden nie enttäuscht. Es ist keiner aus Lockenhaus weggegangen, ohne musikalische Entdeckungen gemacht zu haben.

2011 feiert man den 30.Jahrestag der Gründung – und den Abschied: Herowitsch und Kremer, sie haben oft angekündigt, sich den organisatorischen Aufwand nicht mehr zumuten zu wollen. Diesmal, scheint's, machen sie ernst: Von 7. bis 17.Juli gibt es noch einmal Musik unter dem Motto „kompromisslos jung“.

So wird uns Lockenhaus wohl auch in Erinnerung bleiben.

 

E-Mails an: wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2011)