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Thronfolger ohne Thron, aber ein geglücktes Leben

(c) REUTERS (HEINZ-PETER BADER)
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Nach Kardinal König und Bruno Kreisky ist der letzte große Österreicher des 20. Jahrhunderts abgetreten. Otto von Habsburg hat sich verdient gemacht um dieses Land.

Leitartikel

Otto von Habsburgs Lebensbogen ist nicht einfach nur ein Abriss österreichischer Geschichte, die über fast ein ganzes Jahrhundert reicht. Sondern ein Kontinuum der abendländischen Reichsidee – ohne jeglichen Thron. Erstaunlich, wie der Abglanz einer gewesenen Herrscherfamilie auf die Republik gestrahlt hat – und strahlt. Die dunklen Seiten dieser Herrschaft, die katastrophalen Entscheidungen im Vorfeld des Ersten Weltkriegs, sie sind im Gedächtnis der Republikaner zwar nicht in Vergessenheit geraten, aber einer milderen Beurteilung gewichen. Und dies war zweifellos ein Verdienst Ottos, der durch Korrektheit und Versöhnlichkeit, durch einen glaubwürdigen Österreich-Patriotismus und ein glühendes Bekenntnis zu einem vereinten Europa viel von der Schärfe nahm, die noch um die Mitte des 20. Jahrhunderts zu wilden Auseinandersetzungen in Österreich geführt hatte. Man hat es dem Sohn des letzten Kaisers nach 1945 schlecht gedankt, dass er sich während Hitlers Herrschaft unbeugsam und beredt für eine Wiederherstellung Österreichs eingesetzt hat – für jenen Staat, der ihm nach Karl Renners Diktum die Einreise verweigert hat.

Heute ist längst vergessen, welche Rolle Otto im August 1943 in Quebec bei dem Treffen mit US-Präsident Roosevelt und dem britischen Premier Churchill gespielt hat. Hier entstand der Gedanke eines vom Faschismus befreiten souveränen Österreichs. Wenig später mündeten diese Überlegungen in der „Moskauer Deklaration“ vom 1. November, die Österreich eine Wiedergeburt nach Hitlers Ende in Aussicht stellte. Natürlich war die berühmte „Verzichtserklärung“ Ottos vom Jänner 1961, wonach er für sich und seine Nachkommen garantierte, keinerlei Herrschaftsansprüche zu stellen und aus der Familie auszutreten, eine taktische. Und auch eine schwer verständliche. Welche Verfassung könnte einem Bürger auftragen, die Zugehörigkeit zur eigenen Familie aufzukündigen? Habsburg unterzog sich dieser Unsinnigkeit. Und die Öffentlichkeit wusste genauso gut wie er, wie das alles gemeint war. Er blieb natürlich unangefochtenes Familienoberhaupt, bevor er diese Bürde seinem Sohn Karl übertrug, der damit auch Souverän des Ordens vom Goldenen Vlies wurde.

Der sozialistische Sozialphilosoph Norbert Leser, der diesen Eiertanz um Habsburg schon damals nicht nachvollziehen konnte, hat diese Furcht der SPÖ vor einer Rückkehr Ottos zutreffend analysiert: Das war nicht die Angst vor einer monarchischen Restauration. Wie denn auch, wer hätte die gewollt? Nein, es war die Angst, „vom Abkömmling einer Dynastie mit historischem Format überstrahlt und in den Hintergrund gedrängt zu werden“. Dabei, so Leser, hätte man froh sein sollen, dass man in dieser Person über eine polyglotte und integre Persönlichkeit verfügte, die man zum Wohle Österreichs einsetzen und zur Geltung hätte bringen können.


Bruno Kreisky blieb es vorbehalten, dem geifernden „Habsburg-Kannibalismus“ seiner eigenen Genossen Einhalt zu gebieten. Er spielte sogar kurz mit dem Gedanken, den Europäer Otto von Habsburg als österreichischen Botschafter zum Heiligen Stuhl zu entsenden.

Der Bayer Franz-Josef Strauß war den Österreichern um eine Nasenlänge voraus, hat den Doppelstaatsbürger als CDU-Mandatar ins Europäische Parlament entsandt, was für den Kaisersohn die Erfüllung seiner politischen Träume wurde. Dass das (österreichische) Mandat seines Sohnes Karl im EU-Parlament schon nach einer Wahlperiode auslief, konnte man dem alten Herren am wenigsten anlasten.

Otto von Habsburg, der Mann von gestern, war für die Menschen von heute deswegen so faszinierend, weil er von Kindheit an erzogen worden war, gesamteuropäisch zu denken. Nach seinem – sehr rasch ausgeträumten – Traum von einer Donaukonföderation nach 1945 (die alle ehemaligen Kronländer wieder unter einem Dach vereint hätte), gewann für ihn die europäische Dimension an Faszination. Dem Einigungsgedanken widmete er seine erstaunliche Arbeitskraft. Es war nicht umsonst. Er durfte dieses Friedenswerk noch erleben. So steht er in einer Reihe mit den großen Europäern Schuman, Spaak, Adenauer.

 

E-Mails an: hans-werner.scheidl@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2011)