Der Generalmusikdirektor der Staatsoper zieht Bilanz über seine erste Spielzeit: Die Zusammenarbeit mit Direktor Dominique Meyer funktioniere mittlerweile gut. „Probleme sind dazu da, dass man sie löst.“
Anfang der Saison die Boheme, jetzt zuletzt die Walküre, das waren Aufführungen, die ohne glamouröse Starbesetzung ausgekommen sind, wenn man so will: Aufführungen, bei denen das Haus, die Wiener Staatsoper, der Star war“, erinnert sich Franz Welser-Möst, Generalmusikdirektor des Hauses am Ring, an wichtige Momente in seiner ersten Spielzeit. Das persönliche Resümee des Dirigenten ist gemischt, aber insgesamt positiv: „Vieles ist gelungen, manches war großartig. Manches war dann nicht so großartig. Aber das ist wahrscheinlich ganz normal. Wem gelingt schon alles, was er anpackt?“
Die Stärken eines Repertoiretheaters
Das Resümee für das Haus? „Ähnlich. Vor allem im Repertoire gelingen eben viele Dinge ganz wunderbar. Die Beziehung mit dem Orchester ist großartig und hat, wie ich glaube, enorm an Qualität gewonnen. Wir können gemeinsam das genießen, was ja die Stärke eines Repertoiretheaters ist: für einen Moment, für diese eine Aufführung jeweils das Maximum herauszuholen. Die Spontaneität, die Improvisationskunst, die dafür gebraucht werden, die machen diese Arbeit im positiven Sinn sehr aufregend.“
„Befriedigend“ findet es Welser-Möst mit Bezug auf seinen direktorialen Kompagnon, „zu sehen, wie Dominique Meyer die Füße richtig auf den Boden bekommt“. Von den Verstimmungen, die um die Mitte der Saison für einige Irritationen sorgten, ist nichts mehr zu spüren: „Wenn man die Geschichte des Hauses anschaut, dann wird man keine Direktion finden, deren erste Spielzeit ohne Probleme verlaufen ist. Das hat es einfach nie gegeben. Punkt. Probleme sind im Übrigen dazu da, dass man sie löst.“
„Oper, das ist ein Langzeitprojekt“
Die Zusammenarbeit zwischen ihm und dem Direktor funktioniert nach Einschätzung Welser-Mösts mittlerweile jedenfalls gut. „Man hat“, sagt der GMD, „die Möglichkeit, ein 5000-seitiges Vertragswerk zu unterzeichnen, in dem jede Kleinigkeit festgelegt ist – dann ist aber eigentlich die Rechtsabteilung die Direktion. Oder man vertraut einander; was ja nicht heißen muss, dass man in jeder Beziehung einer Meinung ist. Ich habe schon im Februar einmal gesagt, dass das ein Prozess ist – ein Sichfinden im Werden. Vieles geht mittlerweile sozusagen zwischen Tür und Angel. Man muss nicht lange diskutieren.“
Zu den gemeinsamen Aufgaben gehört, so Welser-Möst, „die konsequente Weiterentwicklung des Sängerensembles“. Er genieße es, die künstlerische Entwicklung der Ensemblemitglieder zu verfolgen: „Es freut einen, wenn man sieht, wie sich der eine oder andere, der in kleinen Partien auftritt, langsam für größere Aufgaben empfiehlt. Oder wie eine Sängerin vom Format der Stephanie Houtzeel an ihren Aufgaben wächst, wie sie mehr und mehr an Format gewinnt. Das berühmte ,Wird kommen über Nacht‘ gibt's ja in der Oper nicht. Nur als Zitat aus dem Rosenkavalier. Oper, das ist ein Langzeitprojekt. In Wahrheit wird man nie fertig damit. Wenn jemand sagt, es läuft eh, dann ist der auf dem falschen Dampfer.“
Das gilt auch für die Dirigenten. Einige der jungen Kollegen, die sich in der ersten Spielzeit vorgestellt haben, findet Welser-Möst erstklassig und freut sich auf weitere Auftritte: „Kollegen wie Patrick Lange oder Alain Altinoglu haben absolut Zukunft. Das Schönste ist, dass es unter den Jungen wieder Leute gibt, die sich nicht zu gut fürs Opernrepertoire sind. Das ist enorm wichtig für die Zukunft. Da scheint es eine Änderung zu geben. In meiner Generation waren ja außer mir und Christian Thielemann kaum Dirigenten bereit, sich dem Betrieb auszusetzen. Da haben sich viele auf wenige Stücke beschränkt, den Tristan, den Wozzeck und vielleicht Pelleas und Melisande...“
Die Ankündigung von Kulturministerin Claudia Schmied, kommende Spielzeit die Weichen für die Staatsopern-Zukunft stellen zu wollen und Verhandlungen über eine Vertragsverlängerung mit dem amtierenden Team aufzunehmen, sieht der Generalmusikdirektor nicht mehr so skeptisch wie noch vor einigen Monaten. Angesichts der langen Vorlaufzeiten für Engagements im Opernbereich muss für die Spielzeiten ab 2014 ja tatsächlich bald vorgesorgt werden. Welser-Möst kann das an seinem eigenen Terminkalender studieren: „Die New Yorker Met hat mir zum Beispiel Angebote gemacht – und ich muss dem Intendanten, Peter Gelb, demnächst meine Entscheidung mitteilen.“ Dabei wird es eine Rolle spielen, ob der Vertrag an der Wiener Staatsoper weiterläuft oder nicht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2011)