Die Frucht, die die Seefahrer nährte, wurde in zwei Regionen domestiziert: im Indischen und im Pazifischen Ozean. Aus ihren Ursprungsregionen trat die Kokusnuss auf gewundenen Wegen ihre Reise um die Erde an.
Die Kokosnuss, die keine Nuss ist, sondern eine Steinfrucht – die der Palme Cocos nucifera –, ist das Schweizer Messer des Pflanzenreichs: Sie ist für unzählige Zwecke verwendbar, bietet Speise und Trank, Fasern und Brennmaterial, das zum Kochen nötige Öl noch dazu. Und wenn das Essen mit Bakterien verdorben ist, hilft Kokoswasser gegen Diarrhö, auch Rattenbisse therapiert die Volksmedizin damit (im Zweiten Weltkrieg wurde es gar als Transfusionsflüssigkeit bei Notoperationen eingesetzt).
Die Wunderfrucht ist also ideal für weite Seereisen, William Bligh, Kapitän der „Bounty“ wusste das: Der angebliche Raub von Kokosnüssen aus dem Schiffsvorrat bzw. die Auseinandersetzungen darüber lösten die Meuterei auf seinem Schiff aus.
Andere Seefahrer wussten es schon viel früher: Es gibt zwei Gruppen von Kokosnüssen, die äußerlich leicht unterscheidbar sind, sie haben polynesische Namen: „niu kafa“ ist dreieckig und dick in Fasern eingehüllt, „niu vai“ ist rund und trägt unreif oft prächtige Farben. Zudem unterscheidet man noch „Riesen“ und „Zwerge“, Letztere stellen fünf Prozent der angebauten Palmen, ihre Nüsse dienen vor allem dem Verzehr, die der Riesen liefern Öl. Die Zwerge wurden offenbar von Menschen domestiziert, aber woher kommen ihre großen Ahnen?
Vermischung auf Madagaskar
„Früher dachte man, dass ,niu kafa‘ die wilde Palme ist, die nicht von Menschen selektiert wurde, sondern von der Natur: Sie ist besser daran angepasst, im Ozean zu schwimmen und sich so zu verteilen“, erklärt Kenneth Olsen (Washington University, St. Louis).
Aber es ist komplizierter: Beide Arten wurden domestiziert, „niu kafa“ in Südindien und auf Inseln des Indischen Ozeans, „niu vai“ in Austronesien im pazifischen Raum, dort wurden sie auch verzwergt. Und aus ihren Ursprungsregionen traten beide, „niu kafa“ und „niu vai“, auf gewundenen Wegen und auf Schiffen, deren Mannschaften sie ernährten, ihre Reise um die Erde an. Einmal begegneten sie einander gar und vermischten sich, auf Madagaskar.
Dass sie den weiten Weg von Austronesien dorthin fanden, darauf deuteten früher schon linguistische Analysen – die Frucht heißt auf Bali „buanihu“ und auf Madagaskar „voanio“ –, Olsen hat es nun in Genanalysen bestätigt. Aber kamen sie wirklich mit Schiffen, trieben sie nicht einfach im Meer? Sie kommen weit, eine hat gar den Weg nach Norwegen gefunden . . . Nein, es gab eine alte Handelsroute von Austronesien nach Madagaskar, so kam auch Reis auf die Insel; und auf die gar nicht weit entfernten Seychellen kamen die austronesischen Kokosnüsse nicht, sie wurden von den Händlern nicht angesteuert (PLoS One, 24. 6.).
Aber Madagaskar ist die Ausnahme, nur dort begegneten einander die beiden Kokosnusssorten, sonst blieben ihre Wege getrennt: Arabische Händler versorgten Ostafrika mit „niu kafa“, und Vasco da Gama brachte sie von einer Expedition in den Indischen Ozean 1498 mit – die Portugiesen gaben ihr auch den Namen „Kokos“; vermutlich kommt er von den drei Keimlöchern am unteren Ende der Frucht, die aussehen können wie ein „grinsendes Gesicht“ („coco“). Von Portugal kam die Kokosnuss dann nach Westafrika und in die Neue Welt: Die Portugiesen legten in der Karibik und in Brasilien Plantagen an.
Da wuchsen weit und früh gereiste Kokosnüsse der anderen Gruppe schon lange auf der anderen Seite Südamerikas, sie waren vor über 2000 Jahren mit Seefahrern aus dem austronesischen Raum gekommen, so sieht es Olsens Koautor Luc Baudouin (Montpellier), es ist allerdings umstritten. Würde es bestätigt, wäre dies ein weiterer Beleg für die Hypothese, dass Reisende aus dem pazifischen Raum Amerika lange vor den Europäern entdeckt haben.