Mit Feuereifer für die Festspiele Erl

(c) Tiroler Festspiele Erl (Tiroler Festspiele Erl)
  • Drucken

Festspielgründer Gustav Kuhn über sein kompromissloses Programm, Probleme mit dem Musikmarkt und darüber, was bei den Salzburger Festspielen schieflief. An seinen Aufführungen arbeitet er mit Feuereifer.

Ich war ein munteres Knäblein, das von Herbert von Karajan gefördert wurde, vielleicht zu viel gefördert, denke ich heute.“ Gustav Kuhn blickt zurück. Selbstkritik ist ihm keineswegs fremd. Er sieht die Fehler, die er selbst gemacht hat, kennt die Fallen, in die ein junger Künstler tappen kann. „Wenn ich mir die jungen Sänger anhöre, dann denk ich oft: Himmelfix, die werden völlig falsch geschult. Man hat den Eindruck, es bestimmt überhaupt nur noch der Agenturenkreislauf, was im Operngeschäft passiert. Ich habe das an mir selbst gesehen: Ich habe munter herumdirigiert in Italien, bei den Festspielen in Glyndebourne. Plötzlich bin ich Operndirektor. Aber in Wirklichkeit war ich ja auch ein armes Würschtl, das manipuliert worden ist. Wenn ich kein solches Würschtl sein will, aber trotzdem glaube, dass mir Oper etwas gibt, dann muss ich aktiv werden.“

So lautete irgendwann sein Credo. Und er wurde aktiv. Mit seinen pädagogisch grundierten Unternehmungen will Kuhn heute ein Zeichen setzen – und der von ihm als falsch erkannten Entwicklung gegensteuern. Deshalb ist er nicht nur Festspielintendant, Regisseur und Dirigent in einer Person, sondern leitet auch eine Akademie, an der Nachwuchssänger und -musiker das Musiktheaterhandwerk von der Pike auf lernen sollen – und zwar nicht theoretisch, sondern eingebunden in reale Aufführungen.

Keine „Feuilleton-Inszenierungen“

„Da geht es“, sagt Kuhn, „um eine Horizonterweiterung. Man muss von vorn noch einmal anfangen. Das ist mir klar geworden, als mich die Philharmoniker als Einspringer geholt haben, als Riccardo Muti absagte – und dann, als wir über weitere Konzerte sprachen, hieß es: Sie sind doch mit Bertelsmann gut...“ Der Musikmarkt als Kontaktbörse? „Also: Das ist nicht meine Welt. Gerard Mortier hat mir angeboten, bei den Salzburger Festspielen zu dirigieren. Das lief von Anfang an schief: Wenn ich einem Intendanten erklären muss, dass mich Feuilleton-Inszenierungen nicht interessieren, dass ich Probenzeit brauche, um eine Oper ordentlich einzustudieren, dann weiß ich, dass da etwas falsch läuft. Völlig falsch.“

Zurück an den Start? Von vorn noch einmal beginnen? „Ich habe sozusagen im Hinterzimmer eine Akademie gegründet.“ Im großen Salon war das nicht möglich. „Ich habe mit Mortier lange darüber gesprochen, aber ich hätte mich bedanken müssen, dass ich ein-, zweimal pinseln darf. An einer Akademie war er nicht interessiert.“ Also „im Hinterzimmer“, aber mit stupendem Zuspruch: „Mittlerweile ist daraus ein eigenes Kloster geworden mit 60 Betten, Proberäumen und allem, was dazugehört. Ich hab zum Herrn gebetet, er möge meinen Schuldenberg wieder abtragen.“ Das hat irgendwie gewirkt: „Mittlerweile hat sich mein Lebenstraum, dass ich schuldenfrei agieren könnte, erfüllt. Nicht nur im Hinblick auf die „Accademia Montegral“. Stur, wie er ist, hat Kuhn allen Unkenrufen zum Trotz auch sein eigenes Festival in Erl gegründet. Bei vollem Risiko. „Ich spiele ja lieber vor zwölf Leuten genau das Programm, das ich möchte, als dass ich ein herumkommandiertes Rindvieh bin.“

Tiroler Festspiele als Karrieresprungbrett

Von „zwölf Leuten“ ist natürlich keine Rede mehr. Das Festival verkauft sich gut. „Und ich sehe mit Freude, wie die Sänger, die bei uns angefangen haben, international Karriere machen. Die beiden Sänger, die heute als Wotan weltweit infrage kommen, Juha Uusitalo und Albert Dohmen, haben beide bei mir gelernt. Dohmen hat bei mir schon 1990 in Macerata den Guglielmo in Mozarts ,Così fan tutte‘ gesungen, 98 dann seinen ersten Wotan in Erl.“ Was das Programm betrifft, war Kuhn nie zimperlich. Seine Prospekte lesen sich wie Kopien der einstigen Vorankündigungen für Karajans Osterfestspiele: Wagners „Ring“ und die Achte Bruckner, „Parsifal“ und die Neunte Beethoven. „Ja, die Neunte, das klingt vielleicht arrogant, aber wir müssen sie immer wieder ansetzen, weil das Publikum sie so erwartet wie den Jedermann in Salzburg. Ich kann mir angesichts der Kartenbestellungen als Unternehmer gar nicht leisten, darauf zu verzichten.“

An seinen Aufführungen arbeitet Kuhn jedenfalls mit einem Feuereifer, den er von sämtlichen Sängern und Musikern auch verlangt. „Ich bin vor allem darüber glücklich, dass ich dem Wahnsinn entgangen bin, dass mir die Orchestermusiker nach zwei Stunden den Bogen aus der Hand legen. Bei uns geht der Traum in Erfüllung, den Walter Felsenstein geträumt hat: Dass sich der zweite Bratschist genau so am Don Giovanni beteiligt wie die Sängerin der Donna Elvira.“

Festspiele Erl 2011 mit: „Tannhäuser“ (8., 16., 29. Juli), „Parsifal“ (22. und 31. Juli), „Die Meistersinger von Nürnberg“ (15., 23. Juli). Beethoven: 9. Symphonie (9. Juli), Verdi: Requiem (29. Juli). Info: www.tiroler-festspiele.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2011)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.