Das erste Elektroauto für den umfassenden, sorgenfreien Gebrauch: Der Ampera lässt Hybridautos alt aussehen. Alle Vorzüge des Elektroantriebs sind wirksam. Ist er Opels großer "Game Changer"?
Wenn Toyota Pech hat (und alle, die auf dem Weg gefolgt sind), wird mit diesem Auto die gesamte Hybridtechnik obsolet: wenn sich nämlich herausstellt, dass der Opel Ampera schlicht den schlaueren Denkansatz verfolgt.
Zunächst ist der Ampera ein reines Elektroauto, allerdings erstmalig im Format und mit dem Platz einer Mittelklasselimousine. Mit einer Leistung von 150 PS und 370Newtonmeter Drehmoment füllt er die Lücke zwischen elektrischen Schmalspurvehikeln wie dem Mitsubishi iMiEV samt Derivaten und pfeilschnell surrenden Exoten wie dem Tesla Roadster.
Alle Vorzüge des Elektroantriebs sind wirksam: So das lautlose Rangieren und In-Bewegung-Setzen, bis das Abrollgeräusch der Reifen die übliche Lärmkulisse eines schnell fahrenden Autos formt. Die Leistungswerte entsprechen einem kräftigen Diesel, dennoch fühlt sich der Ampera lebhafter an. Zwar ist sein Gewicht durch die schwere Batterie höher als das eines normalen Autos dieser Größe, doch stellt der E-Motor sein Drehmoment völlig ansatzlos zur Verfügung – das Auto hängt förmlich am Gas, und zwar bis zu hohen Autobahntempi.
Sprint ohne Krach
Wie man in der Stadt von 0 auf 50 km/h beschleunigt, schnell wie ein Sportwagen und doch ohne den geringsten Lärm zu produzieren, das gehört zu den freudvollen Erlebnissen der elektrischen Autozukunft. Nachdem die Spartalente des Autos bereits ausgiebig geprüft wurden, haben wir uns ganz aufs sorglose Gasgeben verlegt, inklusive Autobahnetappen mit bis annähernd 170 km/h laut Tacho (dann wird abgeregelt). Auf diese Weise – mit moderat eingestellter Klimaanlage – kamen wir etwa 50 Kilometer weit, es ist somit glaubhaft, dass bei entsprechender Zurückhaltung 80 km drin sind. Dass der durchschnittliche Autofahrer in Europa selten diese oder mehr als diese Distanz im Alltag zurücklegt, haben wir schon zur Genüge gehört. Und dann?
Dann hat man entweder sein Zuhause oder einen anderen Ort mit Stromanschluss erreicht, hängt das Kabel ans Netz und lässt vier Stunden vergehen, bis die Akkus wieder fit sind. Oder es mischt sich der Benzinmotor, der wie bei den meisten Autos vorn unter der Haube ruht, ins Geschehen. Anders als bei Hybridautos treibt er aber nicht die Räder an, sondern einen Generator, der Strom für den E-Motor produziert. Der Benzinmotor dient auch nicht dazu, die Batterie zu laden. Das hat einige Vorteile. So fährt man weiterhin ein rein elektrisches Auto, nur dass der Strom nicht aus der Batterie kommt, sondern an Bord aus Kraftstoff gewonnen wird.
Man nimmt den Unterschied kaum wahr, denn der Motor kann sich auf eine konstante Drehzahl für höchste Effizienz verlegen, und dabei ist er so gut wie nicht hörbar. Es entfällt auch die Kupplung, die beim Hybridauto den Verbrennungsmotor an den Antriebsstrang koppelt.
Der 1,4-Liter-Vierzylinder, der übrigens in Wien Aspern gefertigt wird, hat somit nur den Status eines „Range Extenders“: Ein voller Benzintank erweitert die Reichweite des E-Motors auf 500 Kilometer. Dann tankt man oder hängt das Auto endlich an den Strom.
Damit ist der Ampera das erste Elektroauto, mit dem man in den Urlaub fahren kann oder notfalls auch monatelang ohne Steckdose auskommt, was freilich nicht im Sinne der Erfinder wäre. Würde der Motor ständig laufen, käme man auf etwas unter fünf Liter Schnittverbrauch auf 100 km. Im E-Betrieb lässt sich dieser Anteil auf fast null drücken.
Was besonders erstaunt am Ampera, ist sein Grad an Ausgereiftheit. Das betrifft das alles andere als schüchterne Design ebenso wie Detaillösungen im Cockpit. Mit einem Ball im Display, den es per Gaspedal im Lot zu halten gilt, ist die bislang beste Visualisierung von Sparbemühungen gelungen. Den „grünen Sportsgeist“ will Opel auch mit Informationen über den Energiebedarf der Klimatisierung wecken. Die Batterie, bestehend aus 288 Zellen, hängt T-förmig hinten an der Längsachse und nascht nicht vom Kofferraum. Auch der Preis verrät: GM meint es ernst.
Auf einen Blick
Opel Ampera: Strom, endlich richtig. Maße: L/B/H: 4498/1787/1439 mm. Radstand: 2685 mm. Gewicht: 1732 kg. Ladevolumen: 310–1005 Liter.
Motor: 111 kW-Elektromotor (150 PS, 370 Nm). 16-kWh-Li-Ionen-Batterie. 1,4-l-Benzinmotor als R.E. Reichweite: 40–80 km (elektrisch), über 500 km (gesamt). 0 auf 100 km/h in 9,0 sec., V max: 161 km/h.
Preis: 42.900 Euro. Kfz-Steuer: null.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.07.2011)