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Festspiele Reichenau: Große Emotion für Tschechow

(c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)
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Maria Happel inszeniert "Drei Schwestern" ganz klassisch, kenntnisreich und punktgenau: für geduldige Freunde des psychologischen Dramas. Jede einzelne Figur ist mit Sorgfalt in Szene gesetzt.

Tschechows „Drei Schwestern“ (1901) sind ein Dauerbrenner. Zu oft sollte man sie jetzt nicht mehr wiederholen, denn so spannend sind sie auch wieder nicht. Aber einmal geht's noch – und die Aufführung bei den Festspielen Reichenau, seit Mittwoch zu sehen, ist etwas Besonderes, gerade weil sie auf Besonderheit verzichtet. Dafür ist sie emotional und genau.

In vier Akten nimmt der todkranke Dichter (†1904) den drei Generalstöchtern Olga, Mascha und Irina jede Hoffnung. Am Anfang wird Irinas Geburtstag gefeiert, am Ende hat die umschwärmte Jüngste auch noch den Mann verloren, den sie zwar nicht liebt, aber heiraten wollte. Mascha ist die Mittlere, ihre Ehe mit dem Lehrer ist ein Fiasko, doch die Flucht zum feschen Oberleutnant missglückt. Olga ist schon so fertig von der Lehrermühsal, dass sie jeden Mann nehmen würde, stattdessen wird sie Schuldirektorin. Eine Satire, fast wie von heute.

Doch nicht nur Passionen werden verhandelt, sondern auch Ideen, die im vorrevolutionären Russland umgingen: Anarchismus, Nihilismus, Religion, der Einfluss des Westens. Darüber hängt die wirtschaftliche Misere, die alles und jeden klein hackt. Regisseurin Maria Happel hat alle Facetten dieses vielschichtigen Dramas zwischen dem Persönlichen, der Philosophie, der Gesellschaft – inmitten das Militär als erratischer Block – herausgearbeitet: für Geduldige, zum Zuhören und Zuschauen.

Das Volk, dessen Elend Tschechow in seinen Erzählungen so lebhaft schildert, ist optisch in Gestalt eines Bildes präsent: Menschen am und im Fluss. Erfrieren sie gerade im russischen Winter, fischen sie bloß, oder hüpfen sie in welcher Absicht auch immer in die kalten Fluten? Das bleibt offen im schlichten, eindrücklichen Bühnenbild von Peter Loidolt. Die zweite Erscheinung aus dem tiefen Volke ist Maria Happel als 80-jährige Kinderfrau Anfissa: Wunderbar komisch wirkt sie in ihrer Taubheit, berührend in ihrer Verzweiflung, als sie aus dem Haus soll, überglücklich teilt sie zuletzt mit Olga deren Dienstwohnung. Diese Anfissa ist in wenigen Gesten eine Geschichte für sich.

Jede einzelne Figur ist mit Sorgfalt in Szene gesetzt: die melancholische Olga (Petra Morzé), die rebellische Mascha (Regina Fritsch) – ihr Schrei, nachdem der geliebte Werschinin abgefahren ist, wird für alle Zeiten in Erinnerung bleiben – die verhärmte Irina (Stefanie Dvorak). Herrlich: Dorothee Hartinger als anfangs schüchterne alsbald tyrannische Natascha, die den untüchtigen Bruder der Schwestern, Andrej, heiratet: André Pohl spielt diesen bedauernswerten Punchingball zwischen vier Weibern. Dabei bemüht er sich, führt seine Tochter im Kinderwagen spazieren, fast ein neuer Mann. Peter Matić hat wieder einmal atemberaubende Momente als Arzt, der infolge eines Alkoholdeliriums seine Kunst und auch Teile seiner Vergangenheit vergessen hat.

 

Neuer Mann, Gehörnter, Schürzenjäger

Tobias Voigt brilliert als Stabshauptmann Soljonyj, der den sympathischen Träumer Tusenbach (Gerrit Jansen, noch ein neuer Mann) im Duell tötet. Markus Meyers Werschinin ist ein notorischer Schürzenjäger voll falscher Glut, Dirk Nocker der schrullig-tapfere Ehemann, der seine Mascha nicht halten kann und wegschaut. Michael A. Pöllmann sorgt für ein wenig unbeschwerte Fröhlichkeit als Unterleutnant Fedotik.

Klar, wer sich bei Tschechow leicht langweilt, wird hier nicht froh werden. Dies ist das psychologische Drama, das im Regietheater nicht gut angeschrieben ist. Dafür trifft es direkt ins Herz. Tschechow bildet die Redundanz des Lebens ab, das Hauen mit dem Hammer auf immer den gleichen Fleck, das sich auch in der zu dieser Zeit erfundenen Psychoanalyse wiederfindet: reden, reden, reden. Diesem Weben und Wabern um einen Punkt theatralisches Leben einzuhauchen, ist eine große Kunst, die Happel hier besonders souverän beherrscht.

Programm in Reichenau

Die Festspiele werden fortgesetzt mit der Uraufführung von „Oberst Redl“ (aus der Feder des Schauspielers Nicolaus Hagg), es folgt ab 8.7. Hofmannsthals „Rosenkavalier“ mit Julia Stemberger (Bearbeitung, Regie: Hermann Beil).Vorstellungen: bis 2.8. 2011. Projekte für 2012: Zweigs „Ungeduld des Herzens“, dramatisiert von Stefan Slupetzky, Kafkas „Prozess“, Doderers „Dämonen“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.07.2011)