Warum es geschlechtliche Vermehrung gibt, ist rätselhaft; nun sieht sich die "Red Queen Hypothesis" bestätigt. Das „Gute“ am Sex liegt darin, dass Gene neu gemischt werden.
„Die ganze Sache ist immer noch im Dunkeln verborgen“, bedauerte Darwin 1862: „Den letzten Grund der Sexualität kennen wir nicht im Geringsten.“ Denn in der Natur (und der Evolutionsbiologie) geht es um die schiere Menge der Nachkommen – und die wäre viel höher, wenn es nur Weibchen gäbe, die sich per Jungfernzeugung fortpflanzten. Muss ein zweites Geschlecht hinzukommen, fallen die „zweifachen Kosten von Sex“ an, bilanzierte Evolutionsbiologe John Maynard Smith 1971: Männer sind Luxus, sie können sich nicht direkt reproduzieren, und die Hälfte des Nachwuchses besteht dann auch wieder aus Männern.
Es muss also starke evolutionäre Gründe dafür geben, dass sich über 99 Prozent aller Tiere sexuell vermehren. Mit Smith begann die Suche, die Hypothesen sind Legion, John Logsdon (University of Iowa) hat sie in drei Gruppen geordnet, „the good, the bad and the ugly“. Das „Gute“ am Sex liegt darin, dass Gene neu gemischt werden – erst in der Teilung der Keimzellen und dann noch einmal in ihrer Vereinigung –, so wird eine bessere Anpassung an geänderte Umwelten möglich. Alternativ könnte Sex das „Böse“ abwehren, gefährliche Mutationen wieder aus dem Genpool hinausschaffen. Das „Hässliche“ schließlich kommt von außen, es meint Parasiten, auf die Wirte mit Gen-Rekombination reagieren müssen. Darauf reagieren wieder die Parasiten, es ist ein Rüstungswettlauf, der in der Biologie „Red Queen Hypothesis“ heißt, nach der Maxime der Roten Königin in „Alice hinter den Spiegeln“: „Du siehst, dass du so schnell rennen musst, wie du kannst, um auf der gleichen Stelle zu bleiben!“
„Koevolution könnte Männer erklären“
Für diese Hypothese sprechen Beobachtungen in der Natur, vor allem an Wasserschnecken, die es in sexuellen und nicht sexuellen Varianten gibt. Letztere werden von einem parasitischen Wurm an den Rand des Aussterbens gedrängt, Erstere nicht. Aber in der Natur spielen viele Faktoren mit, im Labor kann man sie trennen. Levi Morran hat das am Rundwurm C.elegans getan, von dem gibt es nur Hermaphroditen und Männchen (keine Weibchen). Meist pflanzen sich die Hermaphroditen allein fort, in 20 bis 30 Prozent der Fälle holen sie von Männchen neue Gene. Aber wenn sie in den Rüstungswettlauf mit einem ihrer größten Feinde geraten, dem Bakterium S.marcescens, dann steigt die Rate auf 80 bis 90 Prozent. Und die Würmer, die doch bei ihrer nicht sexuellen Strategie bleiben, sterben rasch aus. Morran sieht darin eine Bestätigung der Red Queen: „Die Koevolution von Wirten und Parasiten könnte die Existenz von Männern erklären.“ (Science, 333, S.216.)
Vermutlich tut sie es aber nicht allein, sondern spielt mit „Guten“ und „Bösen“ zusammen. Aber selbst alle drei sind nicht immer stark genug: Eine Tiergruppe galt schon Smith als „Skandal der Evolution“, weil sie seit 80 Millionen Jahren keinen Sex betreibt und doch existiert, die Rädertierchen. Sie haben eine andere Strategie gegen ihre ärgste Plage gefunden, parasitische Pilze. Statt auf Sex setzen sie auf die Umwelt: Dort können sie Situationen überleben, die den Pilzen den Garaus machen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.07.2011)