Martin Wolf: "Kapitalvorgaben lächerlich niedrig"

(c) Clemens Fabry
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Ohne radikalen Umbau sind einige Banken zu groß, um sie im Krisenfall retten zu können, warnt Martin Wolf, Mitglied der britischen Kommission zur Bankenreform und Chefökonom der „Financial Times“ im Gespräch.

Brüssel. Wenige Tage vor der Veröffentlichung der Ergebnisse des zweiten europaweiten Banken-Stresstests und der mit Spannung erwarteten Vorlage der Pläne der Europäischen Kommission zur Umsetzung der Basel-III-Eigenkapitalregeln schlägt einer der renommiertesten Ökonomen der Welt Alarm.

„Die Kapitalanforderungen im europäischen und globalen Bankwesen sind lächerlich niedrig. Das werden wir in den nächsten Jahren noch zu spüren bekommen“, sagte Martin Wolf, Chefökonom der „Financial Times“ und Mitglied der britischen Kommission zur Reform des Bankwesens, bei einer Veranstaltung des Centre for European Policy Studies in Brüssel. Jene globalen Großbanken, welche den Finanzcrash im Zug der Insolvenz von Lehman Brothers im September 2008 überlebt haben, seien mittlerweile so groß, dass sie in der nächsten Krise des Finanzsystems die staatlichen Rettungsnetze überfordern könnten. „Wir reden von Banken, die um die zwei Billionen Dollar Bilanzsumme haben. Und davon gibt es einige“, warnte Wolf. „Ich denke nicht, dass derzeit eine einzige davon auf ausreichend zufriedenstellende Weise rettbar ist – zumindest nicht so, dass die Aufsichtsbehörden ihren Finanzministern sagen können: Lass sie gehen.“

Zehn Prozent Eigenkapital nötig

Wolf ist eines der fünf Mitglieder der nach ihrem Vorsitzenden, dem früheren Chefvolkswirt der Bank of England, Sir John Vickers benannten Kommission, die der konservativ-liberalen Londoner Regierung Vorschläge über die Reform des Bankwesen machen soll. Im September wird sie ihren Schlussbericht vorlegen, doch schon im April machte sie in einem vorläufigen Papier klar: Banken sollten in Großbritannien mindestens zehn Prozent Eigenkapitalquote haben, um im Krisenfall flüssig zu bleiben.

Doch die Vickers-Kommission geht noch weiter, indem sie zwei zusätzliche erforderliche Reformen zur Debatte stellt. Erstens sollte das Retail-Banking, also das Geschäft mit Privatkunden sowie Klein- und Mittelbetrieben, konzernintern klar vom Investmentbanking getrennt werden. Und nur für das Retail-Banking sollen die Steuerzahler künftig haften, wenn es wieder kracht. Allerdings nicht deshalb, wie oft behauptet wird, weil Investmentbanking von sich aus riskanter ist. „Wir haben keinen Grund, das anzunehmen. Retailbanken sind nicht per se sicherer“, sagte Wolf. „Aber sie sind wichtiger. Denn wenn sie zusammenbrechen, bleiben der Gesellschaft Dienste vorenthalten, ohne die sie nicht auskommen kann.“

Brüssel für Bankentestamente

Hier kommt der dritte zentrale Vorschlag der Vickers-Kommission ins Spiel. Sie schlägt vor, dass nur auf diese Weise vollisolierte Banken gesellschaftlich wichtige Dienste wie Zahlungssysteme, Girokonten oder Kredite an Verbraucher sowie kleine und mittelgroße Betriebe vergeben darf.

Die Vorstellungen von EU-Binnenkommissar Michel Barnier weichen davon zwar insofern ab, als Barnier eine EU-weite Höchstgrenze für Eigenkapitalregeln vorschwebt. In einem Punkt aber nähern sich die Positionen Brüssels und Londons an: in der Frage, ob Banken gleichsam „zu Lebzeiten“ Verfügungen für den Insolvenzfall treffen müssen. Solche „living wills“ („Bankentestamente“) seien „gewiss etwas, was sich in unseren Vorschlägen wiederfinden wird“, sagte Paulina Dejmek aus Barniers Kabinett.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2011)

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