Ägypten: "Wir bleiben, damit die Revolution bleibt"

(c) REUTERS (MOHAMED ABD EL GHANY)
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Kairos Tahrir-Platz ist wieder so voll wie zu Zeiten der Revolution. Neue Proteste sollen verhindern, dass die Militärführung den Wandel versanden lässt. In den letzten Woche war der Unmut im Volk gewachsen.

Kairo. Mitten auf Kairos Tahrir-Platz steht ein Handkarren mit drei großen Glascontainern voll Mangosaft. Ein Bub schleppt einen riesigen triefenden Eisblock durch die Menge. Die ägyptische Revolution macht durstig, ganz besonders, wenn die erbarmungslose Sommersonne mittags herunterbrennt. Demonstranten versuchen, sich mit Zeitungen, Postern und den mitgebrachten Nationalflaggen zu schützen. Doch wer bei mehr als 50 Grad in der Sonne auf einem offenen Platz ohne Schatten demonstriert, der meint es ernst.

Der Platz ist wieder so voll wie zu Zeiten der Revolution. Seit Wochen haben verschiedenste Gruppierungen den gestrigen Freitag zum „Tag der Beharrlichkeit“ aufgerufen. Die Demonstranten sind nicht gekommen, um wie einst das Regime zu stürzen, sondern um ihre Revolution zu verteidigen. Ansonsten ist die Szene ein Déjà-vu aus den Tagen des Aufstandes. Am Rand des Platzes haben die ersten Demonstranten schon wieder ihre Zelte aufgebaut.

„Unsere Forderungen müssen endlich verwirklicht werden. Wir wollen eine völlige Erneuerung, und die wollen wir der Militärführung nicht mühevoll Stück für Stück aus der Nase ziehen“, sagt der Maturant Tarek Mahmud.

Schleppende Verfahren

„Wir wollen sichergehen, dass die Revolution bleibt, deshalb bleiben wir heute Nacht hier“, meint seine Schwester Hoda. „Polizisten werden nicht zur Verantwortung gezogen, korrupte Minister laufen frei herum, und Mubarak lässt sich auf Staatskosten in Sharm el-Sheikh behandeln“, schimpft die Radiomoderatorin Naima Hassan.

Gerade in der letzten Woche war der Unmut gewachsen: Hunderte Menschen hatten die Polizeizentrale in Suez gestürmt, nachdem ein Gericht sieben Polizeioffiziere auf Kaution freigelassen hatte, die für den Tod von 17 Demonstranten verantwortlich sein sollen. Der Fall ist exemplarisch für das zögerliche Vorgehen der Justiz, jene zur Rechenschaft zu ziehen, die den Tod von 846 Demonstranten während des 18-tägigen Aufstandes zu verantworten haben.

Auch Muslimbrüder mobilisierten

Vor allem unter den Familien der Getöteten und mehr als 6000 Verletzten wächst der Frust. Bisher wurde nur ein Polizeioffizier von niedrigem Rang in Abwesenheit zu Tod verurteilt. Um die Lage etwas zu beruhigen, hatte der Militärrat vergangene Woche einen Fonds ins Leben gerufen, mit dem Opfer unterstützt werden sollen. Für viele provokant war auch das Urteil eines Kairoer Strafgerichts, das drei Ex-Minister von der Anklage der Veruntreuung von Staatsgeldern freisprach.

Bisher gab es immer eine Art Aushandeln zwischen der Militärführung, die das Land derzeit verwaltet, und den Demonstranten. Angekündigte Proteste hatten immer dazu geführt, dass die Militärführung durch freundliche Gesten versuchte, die Wogen zu glätten. Diesmal blieben solche Gesten aus, weshalb sich die Sorge breitmacht, die Armee könnte das Chaos ausnutzen, putschen und endgültig eine Militärherrschaft errichten: „Sie sagen immer, die Revolution ist der Grund für das gegenwärtige Chaos, aber in Wirklichkeit produzieren diejenigen das Chaos, die nicht loslassen können“, ereifert sich Naima Hassan.

Die Muslimbruderschaft hatte mit sich selbst gekämpft, ob sie an den Protesten überhaupt teilnehmen soll. Zunächst hatte sie wie die Militärführung argumentiert, dass das Land wieder zur „Normalität“ zurückkehren soll. Das hat sie in Konflikt mit den säkularen Tahrir-Demonstranten gebracht, die nicht bis zur Wahl warten, sondern den völligen Bruch mit dem alten Regime und System schon jetzt festschreiben wollen. Die jüngeren Mitglieder der Bruderschaft haben immer wieder eine aktivere Teilnahme an den Protesten gefordert, und selbst einige ältere Mitglieder fürchten, ihre Organisation mit einem Fernbleiben aufs Abstellgleis zu manövrieren. Am Ende hat die Führung klein beigegeben und vor zwei Tagen doch beschlossen, für die Proteste auf dem Tahrir-Platz zu mobilisieren.

Militär und Polizei haben sich vom Tahrir-Platz tagsüber demonstrativ ferngehalten. Entsprechend friedlich und festlich war die Atmosphäre. Der große Test wird sein, was das Militär unternimmt, wenn sich die Demonstranten wie geplant auf dem Platz wieder einrichten, bis ihre Forderung erfüllt werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2011)

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