Als sie 1971 als Einzige einen Flugzeugabsturz über Peru überlebte, wurde sie berühmt. Doch erst 40 Jahre später war Juliane Koepcke bereit, ihr Schicksal in einem Buch zu verarbeiten.
Eigentlich hatte sie sich schon daran gewöhnt, immer wieder neue, zum Teil haarsträubende Versionen ihrer Geschichte zu lesen. Und dass wildfremde Menschen scheinbar viel besser wussten als sie selbst, was damals geschehen war. Damals, das war vor 40 Jahren, da stürzte Juliane Koepcke, gerade einmal 17 Jahre alt, mit dem Flugzeug ab. In 3000 Meter Höhe brach die Maschine auseinander, minutenlang fiel sie in Richtung Boden, sah den peruanischen Urwald in kreiselnden Bewegungen auf sich zukommen – und wachte mitten in diesem Wald wieder auf.
Was danach geschah, darüber gibt es viele abenteuerliche Geschichten. Angefangen von Berichten und Reportagen in Zeitungen und Magazinen, die zum Teil frei erfunden waren, bis zu Comics und einem Schulbuch für den Englischunterricht („The Girl Against the Jungle“). Auch Schriftsteller Heinz G. Konsalik ließ sich von Koepckes Erlebnissen inspirieren – zu einem reißerischen Roman mit dem Titel „Eine Urwaldgöttin darf nicht weinen“.
All die Missverständnisse und Falschmeldungen richtigstellen, mit eigenen Worten das Geschehene verarbeiten – das konnte Juliane Koepcke lange nicht. „Am Anfang war mir das alles emotional zu nahe“, meint sie im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“. Und so habe sie sich eingekapselt und abgeschottet, auf die Gefahr hin, dass viele verschiedene Varianten mit zweifelhaftem Wahrheitsgehalt weiter im Umlauf sind. Erst jetzt, fast 40 Jahre später, entschloss sie sich, ihre Geschichte niederzuschreiben.
Den Ausschlag gab letztlich der Absturz einer jemenitischen Maschine im September 2009 vor den Komoren. Ein Unglück, das Parallelen zu Koepckes Fall hatte – so wie bei ihrem eigenen Absturz gab es auch 2009 mit der 14-jährigen Bahia Bakari nur eine einzige Überlebende. „Immer, wenn irgendwo ein Flugzeug abstürzt, werde ich angerufen.“ Und als Bakari gerettet wurde, habe man Koepcke gefragt, was sie ihrer Schicksalsgenossin auf den Weg mitgeben würde. „Aber ich fühle mich nicht berufen, anderen Menschen Dinge zu raten.“ Vor allem auch, weil keine zwei Fälle vergleichbar seien.
Orientierung im Dschungel. Juliane Koepcke hatte das Glück, dass sie auf ihrem Sitz festgegurtet zu Boden stürzte. Dass das Blätterdach des peruanischen Urwalds ihren Sturz abfederte. Und sie hatte das Glück, dass sie wusste, wie man sich im Dschungel verhalten muss, um zu überleben. Ihre Eltern, beide Biologen, waren aus Deutschland nach Peru ausgewandert, um dort im Regenwald zu forschen. Und Juliane war immer wieder mit im Dschungel, lebte sogar mehrere Jahre in der Forschungsstation der Eltern. Daher wusste sie, wie man sich im Dschungel fortbewegt. Wie man gefährlichen Tieren ausweicht. Und wie man im Urwald nicht die Orientierung verliert.
Elf Tage lang kämpfte sie sich durch den Dschungel. Entlang eines Baches, der zu einem Fluss wurde, arbeitete sie sich vor, ließ sich in der Mitte des Wassers treiben. Die Sonne verbrannte ihre Haut, in ihren Wunden hatten sich schon Maden eingenistet. Doch sie wusste, sie musste weiter. Denn hier im Dschungel würde sie niemals jemand finden.
Zwar gab es Suchaktionen, Juliane hörte sogar das Surren von Flugzeugmotoren, doch konnten die Suchtruppen sie durch das Blätterdickicht nicht sehen. Am Abend des zehnten Tages fand sie schließlich völlig entkräftet ein Boot am Ufer – und wurde am nächsten Tag von drei Waldarbeitern entdeckt. Sie war gerettet. Von ihnen erfuhr sie, dass sie wohl die einzige Überlebende war. Denn eineinhalb Wochen nach dem Absturz war noch nicht einmal die Maschine gefunden worden. 91 Tote, so sollte die endgültige Bilanz des Absturzes des Fluges lauten. Unter den Toten war auch Koepckes Mutter.
Lange machte sie sich Vorwürfe, denn eigentlich hätten die beiden schon einen Tag früher fliegen sollen. Nur weil Juliane noch den Abschlussball ihrer Schule besuchen wollte, entschieden sie sich für den Flug mit der Linie Lansa – die zuvor schon alle anderen Flugzeuge bei Abstürzen verloren hatte. Eine Entscheidung, die ihre Mutter das Leben kostete.
Heute hat sie all die Vorkommnisse von damals weitgehend verarbeitet. Und das ohne professionelle therapeutische Hilfe. „Ich wurde ständig danach gefragt und habe das immer wieder erzählt. Das war quasi eine Langzeittherapie“, meint sie heute.
Einen ersten großen Schritt aus der Isolation schaffte sie 1998. Damals rief der deutsche Regisseur Werner Herzog sie an, weil er einen Dokumentarfilm über den Absturz drehen wollte – Herzog wäre an jenem Weihnachtstag im Jahr 1971 fast in derselben Maschine gesessen. Er kam damals letztlich nicht mit an Bord. Bei den Dreharbeiten stieß das Filmteam unter anderem auf Teile des Wracks, die Suchtrupps über Jahre nie gefunden hatten.
Mehr als zehn Jahre später hatte sie all die Ereignisse schließlich so weit verarbeitet, dass sie sich endlich an ihr eigenes Buch machte. „Als ich vom Himmel fiel“, so lautet der Titel. „Das Buch war ein weiterer großer Schritt im Prozess des Loslassens“, sagt Koepcke. Und gleichzeitig für sie auch die Möglichkeit, ihre Geschichte endlich einmal so zu erzählen, wie sie sich wirklich zugetragen hat.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2011)