Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Unglück auf Wolga: Flusskreuzer war überladen

(c) EPA (TATARSTAN EMERGENCIES MINISTRY)
  • Drucken

Das Schiffsunglück auf der Wolga soll laut russischen Behörden über 100 Tote gefordert haben. Indes schockieren die ersten Details, denn schwere Sicherheitsmängel dürften die Katastrophe verursacht haben.

Moskau. Einen Tag nach dem verheerenden Schiffsunglück auf der Wolga 830 Kilometer östlich von Moskau bekamen die Rettungskräfte allmählich eine Vorstellung vom Ausmaß der Katastrophe. Während Taucher nach wie vor damit beschäftigt waren, Leichen aus dem Inneren des Kreuzfahrtschiffes zu bergen, hat Katastrophenschutzminister Sergej Schoigu indirekt bereits von mehr als 100 Toten gesprochen. Es hätten sich 208 Menschen an Bord befunden, von denen 80 überlebt hätten, sagte er.

Unterdessen schockierten die ersten Details, die Zeugen gegenüber Journalisten berichteten. Passagiere wären, nachdem sie den Beginn der Katastrophe realisiert hätten, panisch aus dem Inneren des Schiffes Richtung Aufgang zum Deck gelaufen, um von dort ins Wasser zu springen. Aus irgendeinem Grund aber seien die Ausgänge zum Deck verschlossen gewesen. Das Schiff sei binnen weniger Minuten gesunken. Als schauriges Detail wurde bekannt, dass – unterschiedlichen Zählungen zufolge – zwischen 30 und 50 Kinder kurz vor dem Unglück zu einem Unterhaltungsprogramm in einem Raum am Heck des Schiffes versammelt waren. Als das Schiff kippte, wurden die Kinder von einem der Animateure zum Warten aufgefordert. Schließlich wurde der Spielraum durch den Druck der Wassermassen verschlossen und alle Kinder ertranken.

Vorschriften nicht eingehalten

Überhaupt stand gestern endgültig fest, dass das in Tschechien gebaute Schiff namens „Bulgarien“ nicht nur bereits 56 Jahre alt, sondern auch heillos überladen war. Die zulässige Anzahl von 140 Passagieren war um 48 Prozent überschritten. Russlands Präsident Dmitrij Medwedew betonte, dass das Unglück bei einer Einhaltung der Sicherheitsvorschriften nicht passiert wäre. Der heutige Dienstag wurde zum Trauertag erklärt.

Zwar sei die Fahrtauglichkeit des Schiffes laut Transportministerium erst am 15. Juni wieder bestätigt worden. Wie aber die Staatsanwaltschaft erklärte, habe der Kreuzer technische Defekte aufgewiesen. Überhaupt hätte das Mietunternehmen keine entsprechende Lizenz für den Personentransport gehabt, was von den Schiffsbesitzern aber dementiert wurde. In jedem Fall hat eine Totalüberprüfung der Flusskreuzer durch die Staatsanwaltschaft begonnen.

Das Unglück wirft einmal mehr die Frage nach dem fahrlässigen Umgang mit Verantwortung und Sicherheitsvorschriften auf.

Dass diese in einer korrumpierten Interaktion zwischen Beamten und Geschäftsleuten auch einfach ignoriert werden können, hat etwa die Brandkatastrophe in einer Bar der Stadt Perm Ende 2009 gezeigt. Damals kamen 148 Menschen aus Mangel an Fluchtmöglichkeiten ums Leben. Später war bekannt geworden, dass bei einer Brandinspektion sieben Brandschutzmängel festgestellt, aber nur zwei dokumentiert worden waren.

Schiff rettete die Überlebenden

An der Stelle, wo das Schiff „Bulgarien“ am Sonntag bei starkem Wind und Wellen Schlagseite bekommen hatte, ist die Wolga breit wie ein großer See. Das Schiff liegt drei Kilometer vom Ufer entfernt auf 20 Meter Tiefe. Die Überlebenden des Unglücks hatten sich nach teils mehr als einer Stunde im Wasser auf ein vorbeifahrendes Schiff retten können.

Auf einen Blick

Bei einer Schiffskatastrophe auf dem russischen Fluss Wolga sind bis zu 128 der 208 Menschen an Bord ums Leben gekommen, auch viele Kinder starben. Das 56 Jahre alte Schiff „Bulgarien“ ging bei einem Unwetter am Sonntag etwa drei Kilometer vom Ufer entfernt unter. Tags darauf bargen Taucher aus 20 Meter Tiefe die ersten Leichen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.07.2011)