Wegen drohender Staatspleiten und niedrigen Zinsen sind Europäische Staatsanleihen momentan nur wenig begehrt. Bei Schwellenländer-Bonds stehen indes die Chancen gut, dass man von sinkenden Zinsen profitiert.
Wien. Drohende Staatspleiten in der Eurozone und niedrige Zinsen bei gleichzeitiger Aussicht auf Zinserhöhungen– das stimmt die Anleger für Anleiheninvestments nicht gerade zuversichtlich. Da Privatanleger meist nicht direkt in Anleihen investieren, sondern das einem Fondsmanager übertragen, bekamen die Fondsgesellschaften das Misstrauen zu spüren: Von Juni 2010 bis Juni 2011 zogen die Anleger aus in Österreich zugelassenen Staatsanleihenfonds unterm Strich zwei Mrd. Euro ab. Das geht aus dem Anleihenreport von „Finance& Ethics Research“ hervor. Andere Anleihenfonds (Unternehmens-, Wandelanleihen- und gemischte Anleihenfonds) verzeichneten Zuflüsse. Berücksichtigt man nur österreichische Investmentfonds, gab es in fast allen Kategorien (außer bei Unternehmensanleihen) Abflüsse.
Angst vor steigenden Zinsen
Ursache dürfte die Angst vor steigenden Zinsen sein: Hält man deutsche Staatsanleihen im Depot (die als sehr sicher gelten) und steigen die Zinsen in der Eurozone überraschend an, drohen Kursverluste. Grund ist, dass potenzielle Käufer neue Anleihen mit höheren Zinsen kaufen können. Will man seine alten Anleihen loswerden, muss man sie so billig hergeben, dass der Käufer eine genauso hohe Rendite erzielen kann wie mit neuen Anleihen. Wer einfach bis zum Laufzeitende abwartet, braucht sich zwar darum nicht zu kümmern, bekommt am Ende aber nur die anfangs versprochenen Zinsen.
Für riskante Investments, etwa griechische Anleihen, bekommt man zwar hohe Zinsen, diese spiegeln aber das ebenfalls hohe Ausfallsrisiko wider. Kurzfristig gibt der Vergleich den Anlegern recht: In den vergangenen zwölf Monaten warfen Staatsanleihenfonds laut „Finance& Ethics Research“ nicht einmal zwei Prozent ab, mit Unternehmensanleihenfonds erhielt man im Schnitt fast acht Prozent. In den vergangenen zehn Jahren waren Staatsanleihenfonds besser (siehe Grafik).
Bei sinkenden Zinsen seien Anleihen mit längerer Laufzeit attraktiver, stellt Bernhard Pieb, Senior Fondsmanager des Anleihenteams bei Pioneer Investments, fest. Staatsanleihen haben im Schnitt eine längere Laufzeit als Unternehmensanleihen. Bei steigenden Zinsen sei es umgekehrt, da seien solche mit kurzer Laufzeit attraktiver. Die Erwartung stark steigender Zinsen sei aber übertrieben, glaubt Pieb, und sie sei im Preis zum Teil schon enthalten. Zur Flucht aus deutschen Staatsanleihen bestehe kein Grund. Derzeit rät der Experte am ehesten zu Unternehmensanleihen in der Eurozone. Nur von Bankanleihen sollte man die Finger lassen. Bei Staatsanleihen rät Alexander Fleischer, Leiter der Anleihenfonds bei der Erste Sparinvest KAG, zu solchen von Schwellenländern. Diese werfen im Schnitt sechs Prozent Rendite ab, bei europäischen Anleihen sind es 3,6 Prozent. Das Risiko sei aber nicht so viel höher.
Zudem könne man bei Emerging-Markets-Anleihen von der Zinskonvergenz (also von sinkenden Zinsen für neuere Anleihen, was die eigenen Anleihen attraktiver macht) profitieren: Die Höhe der Zinsen hängt nämlich nicht nur vom Leitzinssatz ab (der in der Eurozone tendenziell steigt), sondern auch von den Risikoaufschlägen. Die Chancen, dass sich die Bonität osteuropäischer Staaten verbessert, sei hoch. Dann sinken die Risikoaufschläge bei neueren Anleihen, und man kann die alten vorzeitig mit Kursgewinn verkaufen. Von der Zinskonvergenz profitiert man auch, wenn man Emerging-Markets-Anleihen in Euro kauft, man muss also kein Fremdwährungsrisiko eingehen.
Bei Anleihen in fremder Währung hat man umgekehrt die Chance, dass die fremde Währung steigt. Im Vorjahr aber hätten bereits viele Währungen aufgewertet, stellt Fleischer fest. Nun sei ein wenig die Luft draußen.
Der Fonds mit der besten Dreijahresperformance war laut Anleihenreport der KBC Renta TRY (ISIN LU0218855848), der in Bonds in türkischer Lira investiert. Wegen der Abwertung der Lira schrumpfte der Ertrag aber von 60 auf 30 Prozent zusammen.
Attraktive Firmenanleihen
Eine gute Dreijahresperformance hatte auch der Fidelity Emerging Markets Debt Fund (LU0238203821), im vergangenen Halbjahr schwächelte er aber ein wenig.
Will man hohe Renditen (bei höherem Risiko) erzielen, seien sogenannte High-Yield-Bonds (von Unternehmen mit nicht so guter Bonität) im Vergleich zu Anleihen von Schuldenstaaten attraktiv, meint Fleischer. Mit entsprechenden Fonds könne man acht Prozent Rendite pro Jahr erzielen.
Eine gute Dreijahresperformance hatten der Lazard European High Yield (DE0005319016), der Pioneer Funds Euro High Yield (LU0281579598) oder der ESPA Bond Corporate BB (AT0000A09HC7). Auch bei ihnen ging es in den vergangenen Monaten aber eher nach unten.
Was Sie beachten sollten bei... Anleihen
Tipp 1
Ausfallsrisiko. Wer Anleihen kauft und bis zum Ende der Laufzeit hält, braucht etwaige Kursschwankungen nicht zu beachten. Er sollte jedoch das Ausfallsrisiko (dass der Emittent, etwa ein Unternehmen, eine Bank oder ein Staat pleitegeht) und ein etwaiges Währungsrisiko (dass bei Fremdwährungsanleihen die Fremdwährung abwertet) beachten.
Tipp 2
Kursschwankungen. Wer seine Anleihen vorzeitig abstößt, muss mit Kursverlusten rechnen. Unter Umständen kann man auch vorzeitig mit Gewinn aussteigen (was Fonds häufig tun). Der Kurs schwankt, wenn sich das Ausfallsrisiko verändert (also wenn eine Pleite wahrscheinlicher oder weniger wahrscheinlich wird) und wenn sich die Zinsen verändern.
Tipp 3
Zinsrisiko. Hat man Anleihen und steigen die Zinsen unerwartet, fällt der Kurs: Grund ist, dass potenzielle Käufer neuere Anleihen mit höheren Zinsen bekommen. Will man seine alten Bonds loswerden, muss man sie entsprechend billig hergeben. Doch profitiert man, wenn die Zinsen sinken: Bei Schwellenländer-Bonds ist das nicht unwahrscheinlich.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.07.2011)