Das Wien-Museum zeichnet in einer Ausstellung am Beispiel des Neusiedler Sees nach, wie der Wandel der Natur und jener der Kultur miteinander verschränkt sind – und wie Bilder die Wirklichkeit formen können.
Als Österreich sein echtes Meer, die Adria, verloren hatte, gewann es das „Meer der Wiener“, den Neusiedler See: Vor 90 Jahren fiel sein Hauptteil von Ungarn an das neu entstandene Burgenland. Die Ungarn verschmerzten es, für sie hieß und heißt der See schlicht „Fertö“, Sumpf.
Das war er nicht immer, einst plätscherte der abflusslose See in ausgedehnten Eichenwäldern. Dann kamen die Römer, sie brauchten Holz für Carnuntum, so schuf der Mensch die Steppe, in der nun der Nationalpark bewahrt, was Natur aus dritter oder vierter Hand ist und immer höchst unterschiedlich wahrgenommen wurde: „Meilenweite Moräste“ beklagte ein Reisender, wo ein anderer eine „göttliche Gegend“ sichtete und sich Ernst Krenek 1936 „wie in Afrika“ fühlte.
Das lag nicht nur am Blick, auch der See wandelte sich, die Wasserstände schwankten extrem, manches Mal war gar nichts da, in den 1860er-Jahren kam man trockenen Fußes von Illmitz nach Rust. Naturfreunden bot sich ein klägliches Bild („über alle Maßen hässlich“), Geldfreunden ein lockendes: Man plante die „gänzliche Ablassung des Sees“ zur Gewinnung von Agrarland; noch 1918 wollte Fürst Esterházy „die Seefrage ihrer endgültigen Lösung“ zuführen, aber der „verheißungsvolle Entwässerungsplan“ misslang, gebaut wurde nur der „Einser-Kanal“. Der leitete Wasser ab und gab dem See ein neues Gesicht: Der Wasserstand konnte konstant (tief) gehalten werden, bald wucherte an den Ufern etwas, was es zuvor kaum gegeben hatte, Schilf. Heute ist der See zur Hälfte damit bedeckt, die Agrikultur half, mit ihrem Dünger. Auf so vertrackten Wegen entstand das „Vogelparadies“ mit seinen Reihern.
Trügerische Naturidylle
„Die Naturidylle trügt: Aus einem unberechenbaren Gewässer wurde durch den Kanal eine reguliert befriedete Natur“, erklärt Sándor Békési, Kurator im Wien-Museum, der die Zusammenhänge in einer Ausstellung mit sorgsam gewählten Bildern und Objekten vor Augen führt (auch vor die Ohren: Aus der einen Ecke tönt Toni Stricker, aus der anderen Mundl, seine Reise zum See und andere Filme kann man in einer Koje genießen). Echte Bilder gibt es wenige – die Landschaftsmalerei war mehr an den Kulissen der Alpen interessiert –, dafür gibt es Plakate der Fremdenverkehrswerbung, die 1926 mit ihrem Slogan vom „Meer der Wiener“ die große Stadt zum großen See brachte.
In den 1950er-Jahren dann kam die Postkarte – Schilfhütte mit Ziehbrunnen –, sie gewährt „einen Mikroblick auf die Konstruktion eines Landschaftsbilds“ (Békési): Miteinander zu tun hatten Hütte und Brunnen nichts, in Ersteren hausten Winzer, aus Letzteren tranken Hirten der Steppe. Erst als immer mehr Steppe zu Weingarten wurde, rückten die beiden einander näher, und erst die Fotomontage auf den Postkarten brachte sie ganz zusammen. „Da wurde eine Ikone der österreichischen Puszta geschaffen“, erklärt Békési, „als sie gerade am Verschwinden war.“
Aber es wirkte, die Städter strömten in solchen Massen, dass das „Meer der Wiener“ in den 1970er-Jahren zur „Kloake der Wiener“ wurde, um die herum das Glykol hektoliterweise floss. Der Weinskandal brachte die nächste Wendung in der Geschichte des Sees und seiner Wahrnehmung, heute kommen eher die Kenner zum Verkosten. Und während man noch über den Segen von Lug und Trug nachsinnt, ist in der Ausstellung der weitere Weg versperrt: „Staatsgrenze“.
Trügerischer Stacheldraht
Auch das gehört zum See, er schied nicht nur die Geister, sondern auch Ost und West, an ihm flüchteten 1956 zehntausende Ungarn, an ihm zerschnitt Außenminister Alois Mock am 27. Juni 1989 mit seinem ungarischen Kollegen Gyula Horn den Zaun. Der Bolzenschneider wird im Wien-Museum verwahrt, Direktor Wolfgang Kos ist stolz darauf. Aber nicht nur die Tourismuswerbung putzt Bilder auf: Für den welthistorischen Schnitt wurde eigens ein Stück des längst gefallenen Eisernen Vorhangs repariert.
„Neusiedler See. Das Meer der Wiener“, Wien-Museum, Karlsplatz, bis 23. 10., Di. bis So., 10.00 bis 18.00 Uhr; kein Katalog.