Die reiche ehemalige Unternehmerin Natalia Korolewskaja aus dem ostukrainischen Lugansk gilt als große Nachwuchshoffnung der in die Ecke getriebenen Opposition und ihrer omnipräsenten Chefin Julia Timoschenko.
Kiew/Wien. Für einen kurzen Moment ist Natalia Korolewskaja ratlos. In welcher Stadt war sie am Vortag noch mal? Ach ja: Kirovograd. Zhitomir ist morgen dran. Korolewskaja, 36-jährige Parlamentsabgeordnete von Julia Timoschenkos Partei „Vaterland“, tourt derzeit unermüdlich durch die ukrainische Provinz. Die Parteigenossen in schweren Zeiten bei Laune halten, zeigen, „dass wir kein monolithischer Block sind“ – darum geht es.
Korolewskajas Parteichefin und Ex-Premierministerin Julia Timoschenko verbringt dieser Tage wegen eines umstrittenen Gasdeals mit Russland mehr Zeit vor Gericht als auf Kundgebungen. Ihr droht eine mehrjährige Haftstrafe, und der in die Opposition gedrängten Partei im schlimmsten Fall der Verlust der omnipräsenten Chefin mit dem blonden Haarkranz.
Chance für strebsamen Parteinachwuchs
Natürlich würde Korolewskaja das niemals offen sagen, aber: Für den Parteinachwuchs ist die missliche Lage auch eine Chance. Mit Korolewskajas Konterfei wirbt derzeit nicht nur das Nachrichtenmagazin „Kommentarii“ auf Plakatwänden. Sie ist auch zur Galionsfigur der Kleinunternehmer aufgestiegen, die gegen das geplante Steuergesetz protestieren. Korolewskaja spricht von einer „feindlichen Übernahme durch den Staat“.
In der Ukraine seien die Rechte der Klein- und Mittelbetriebe nicht geschützt, Steuerbehörden erhielten einen Freibrief zur Drangsalierung der Wirtschaftstreibenden. Die Regierung von Präsident Viktor Janukowitsch wolle die Entstehung einer unabhängigen Mittelschicht – „in jedem entwickelten Land das Fundament von Demokratie und Wirtschaft“ – verunmöglichen, klagt die zierliche Frau mit dem hochgesteckten braunen Haar.
„Keine Großindustrielle“
Korolewskaja war vor dem Eintritt in die Politik Unternehmerin im ostukrainischen Lugansk – unter anderem Aufsichtsratschefin im familieneigenen Eiskonzern „Luganskholod“, der „königliches“ Eis (soviel bedeutet das Wort „Korolewskoje“) erzeugt. Ukrainische Medien schätzen ihr Vermögen auf 243 Millionen Dollar. Sie besitzt eine Pferdezucht, trägt teure Designermodelle. Eine Großindustrielle, die sich selbstlos für die Belange der Kleinen einsetzt? Nach ukrainischen Maßstäben, wendet sie nonchalant ein, sei das Eis-Unternehmen „nur ein Mittelbetrieb“.
Als Nachfolgerin Timoschenkos will sie derzeit nicht ins Spiel gebracht werden. Korolewskaja, die Kämpferin, übt sich in Demut. „Wir unterstützen Julia“, sagt sie entschieden. Dann muss sie los, nach Zhitomir.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2011)