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Totale Familie: Die Wäscherei und das Herrscherhaus

Es ist gar nicht unwahrscheinlich, dass Sie und ich von Otto, Graf von Habsburg, abstammen. „Blut“ neigt zur Verdünnung.

 

Was wurde eigentlich aus der Wäscherei Habsburg? Auf den Telefonbüchern prangten einst ihre Inserate, mir kam das vor wie ein verschrobenes Bekenntnis zur Republik: Seht her, bei uns versteht man unter Habsburg kein Herrscherhaus, sondern eine Reinigungsfirma.

Eine Schnellrecherche ergab: Die Wäscherei – bei der u.a. Falcos Mutter angestellt war – wurde 1975 vom deutschen „Textil-Dienstleister“ Mewa übernommen. Es gibt heute auch noch ein „Textilservice“ namens Salesianer-Habsburg. Wie es sich von der alten Firma ableitet und ob die beiden auch genetisch verflochten sind, man könnte es erforschen. Und wenn man in die Tiefen der Zeit ginge, dann käme man vielleicht auf einen gemeinsamen Vorfahren aller Habsburg-Häuser...

Das ist keine sonderlich provokante Behauptung: Jeder von uns stammt mit einiger Wahrscheinlichkeit vom ersten Mann ab, der sich „von Habsburg“ nannte: Otto, Graf von Habsburg (†1111). Man muss nur bedenken: Jeder hat zwei Großväter, vier Urgroßväter, acht Ururgroßväter usw. Das heißt, wenn man eine Generationsdauer von 25 Jahren rechnet: Vor 900 Jahren müssten von jedem von uns 236 männliche Vorfahren gelebt haben, das sind circa 68 Milliarden, viel mehr als die damalige Weltbevölkerung. Erklärbar ist das durch den „Ahnenverlust“: Es ist z.B. gar nicht unwahrscheinlich, dass vor 200 Jahren ein Mann lebte, der gleich zweimal mein Urururururururgroßvater war. (Bei den Habsburgern kam dergleichen signifikant häufiger vor.) „We are family“, könnte man euphorisch mit Sister Sledge sagen oder mit Heimito von Doderer von der „totalen Familie“ sprechen (bei ihm waren das die Merowinger).

So viel zum „Blut“. Es neigt zur Verdünnung. (Die Lippe bleibt.) Dass auch aufrechte Republikaner für Habsburger-Sentimentalität anfällig sind, liegt m.E. erstens am Reiz der schieren Beständigkeit, am Trotz gegen den Terror der Zeichen der Zeit, am Gefühl, dass alles, was lange gewährt hat, doch endlich gut sein muss: Joseph Roth, der in seiner Jugend gar kein Monarchist war, hat im Exil vielleicht so gefühlt.

Zweitens an der Begabung dieser Herrscher für Gesten der Bescheidenheit. Man denke an die berührende Einlasszeremonie, an Franz Josephs geflickten Rock, an die Reisen des als Graf von Falkenstein verkleideten Josef II. durch seine Länder. Diese waren sogar mehr als joviale Pose: Seine Berichte über das Elend, das er in den Hütten der Bauern oder in Armenspitälern sah, klingen heute wie eine Vorwegnahme sozialdemokratischer Zeugnisse à la Max Winter oder Alfons Petzold.

Vielleicht hat Bundespräsident Fischer auch daran gedacht, als er vor vier Jahren Otto Habsburg durch die Hofburg führte. Dem „Profil“ entnehme ich, dass dieser auf den Eindruck der Räume, in der seine Ahnen regiert hatten, mit der Variation eines klassischen Franz-Joseph-Diktums reagierte: „Sie haben es aber schön hier.“ Wohl der coolste denkbare Schlusssatz für das Kapitel Habsburgermonarchie.

 

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2011)