Die Psychologie unternimmt eine erste Erkundung unseres Verhältnisses zu unserem Ersatzhirn. Weit kommt sie nicht.
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Google, der hilfreiche Krake, schleppt mit seinen elektronischen Tentakeln nicht nur jede erwünschte Information herbei (und manche unerwünschte dazu), er hält uns auch selbst fest im Griff und weiß mehr über uns als wir über ihn. Man liest es auf den Wirtschafts- und Technikseiten, auch im Chronikalen – dort erfährt man etwa, dass Journalisten gern an der elektronischen Mutterbrust saugen –, man muss nur ein wenig googeln (für die Verwicklung der Journalisten ins Netz etwa unter „Journalisten-Report III“).
Auf den Wissenschaftsseiten hingegen findet sich kaum etwas über so befremdliche Umstände wie jenen, dass das Wort „googeln“ – seit 2004 steht es so im Duden, aber auch das unaussprechliche „googlen“ hält sich – in kürzester Frist Wörter wie „nachschlagen“ geschluckt bzw. ersetzt hat, und dass das bald auch dem „Nachdenken“ blüht. Denn die einschlägigen Fakultäten, von der Psychologie bis zur Soziologie, haben erstaunlich wenig Interesse daran, wie es den Menschen mit ihrem Heer von Hightech-Zauberkästen ergeht. Es gab zwar ein bisschen Streit darüber, ob blutspritzende Computerspiele die Jugend verrohen und/oder verblöden. Aber es gab so gut wie nichts über die neue Geschwätzigkeit, die die Mobiltelefonie uns beschert hat – doch, natürlich gab es viel, Google spukt auf die Anfrage „Handy“ und „Geschwätzigkeit“ „ungefähr 27.200 Ergebnisse“ aus, es ist nur kaum Wissenschaftliches dabei.
Dann gibt es noch den Streit über die Folgen der Handys für das Gehirn, aber dieser wird in der Medizin ausgetragen. Umso dankbarer ist man, dass es eine Erkundung unseres Verhältnisses zum Ersatzhirn nun bis in die höchsten Etagen geschafft hat: Science publiziert eine Studie über die Anpassung der User an Google. Demnach haben heutige Menschen ihr Gedächtnis ausgelagert – ins Netz – und denken zuerst an den Computer, wenn sie etwas nicht wissen und Hilfe bzw. Rat suchen.
Zudem prägt sich dem Gedächtnis weniger gut ein, was man jederzeit wieder im Internet abrufen kann. „Wir gehen in eine Symbiose mit unseren Computern und wachsen in verbundene Systeme hinein, deren Erinnerung weniger in Information besteht und mehr im Wissen darüber, wo die Information gefunden werden kann“, schließen die Forscher. „Wir sind vom Internet so abhängig geworden wie von Freunden. Und wenn wir die Verbindung zum Netz verlieren, ist es mehr und mehr so, als hätten wir einen Freund verloren.“
Oder gar uns selbst. So ist es, und der Befund ist nicht irgendwie zusammengegoogelt, US-Psychologen haben ihn in gefinkelten Experimenten erhoben. Aber reichlich dünn ist das Süppchen schon: Dass wir ohne das Netz nichts mehr sind und wie Junkies an bzw. in ihm hängen, ist eine so große Neuigkeit auch wieder nicht. Man hätte es gern etwas präziser und denkt wehmütig an frühere Studien zurück, die die Prägung des Menschen durch seine Technik in die feinsten Verästelungen verfolgt haben, etwa Günther Anders' „Antiquiertheit des Menschen“. Wer sie gerade nicht parat hat, bekommt bei Google die Wahl zwischen „ungefähr 269.000 Ergebnissen“.
E-Mails: juergen.langenbach@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2011)