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Leo Kirch: Mit Liebe zum Film und Gottes Beistand

(c) AP (MICHAEL PROBST)
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Leo Kirch war ein Phänomen. Er baute aus dem Nichts das größte Filmarchiv auf, zimmerte unermüdlich an einem riesigen Medienimperium und schlitterte trotz mächtiger Freunde in die größte Pleite Deutschlands.

Was wäre das Fernsehen ohne Leo Kirch? Er war lange Jahre Hüter jenes Schatzes, aus dem sich die TV-Stationen Europas nährten. Als Kirch 2004 durch die Insolvenz seine Filmbibliothek verlor, hatte er dort, im Münchner Vorort Unterföhring, 64.000 Stunden Programm angesammelt – ein Archiv, mit dem man mehr als sieben Jahre lang 24 Stunden Fernsehen hätte bespielen können ohne eine einzige Sendung zu wiederholen. Und da waren die Filetstücke der größten Programmbibliothek Europas bereits verkauft. Nur an solchen Zahlen lässt sich ermessen, welche Bedeutung Kirchs Imperium für jeden von uns hatte – der „Spiegel“ fürchtete wegen der Kirch-Pleite gar um „das audiovisuelle Gedächtnis ganzer Generationen“.

Mit „La Strada“ fing es an

„Lassie“, „Flipper“, die „Bezaubernde Jeannie“, „Ben Hur“, „Citizen Kane“, die „Waltons“, „Kommissar Rex“, „Baywatch“, „Star Trek“ oder „Der Schuh des Manitu“ – alle gingen bei Kirch über den Ladentisch. Wie ein Sammler und Jäger hatte er diese Preziosen bzw. Ausstrahlungsrechte zusammengetragen, war, wie die „Welt“ einmal schrieb, „mit dem Kleinlastwagen“ ins Ausland gefahren, um Filme wie „La Strada“, „Citizen Kane“ oder „Der dritte Mann“ in sein Archiv zu überstellen – und einer lukrativen Verwertung zuzuführen. Später kaufte er ganze Filmpakete der US-Studios und wusste sie geschickt zu vermarkten. Auch nach Österreich: Zeitweise sollen bis zu 70 Prozent des ORF-Programms aus dem Kirch-Imperium zugeliefert worden sein.

Als Kirch den deutschen öffentlich-rechtlichen Sendern ARD und ZDF 2001 nicht weniger als eine dreiviertel Milliarde Mark für Fußballrechte abknöpfte, empfanden es die Verfechter des frei zugänglichen Fernsehens (und politischen Gegner des konservativen Kirch) als geradezu unanständig, dass er nicht bereit war, den Deutschen ihren Lieblingssport zum Schnäppchenpreis zu überlassen.

Kirch war zu dem Zeitpunkt 74 und aufgrund seiner Diabetes fast blind. Was ihn keineswegs daran hinderte, seinen Konzern zu immer neuen wirtschaftlichen Herausforderungen zu führen – obwohl es bereits im Gebälk krachte. Er wollte seine Mediengruppe vom patriarchalisch geführten Unternehmen zu einem modernen Konzern machen, fusionierte Pro7, Sat1 und Kabel1 zur ProSiebenSat1 Media AG. Er brauchte frisches Geld von der Börse oder den Banken. „Das ist im Prinzip nichts Neues“, analysierte im September 2001 die „Süddeutsche Zeitung“: „Kirch war schon oft klamm, weil er mehr Geld in neue Geschäfte steckte, als ihm die alten Märkte einbrachten.“

 

Zu teuer: Premiere und Formel1

Vor allem der Pay-TV-Sender Premiere World schrieb eine Milliarde Mark Verlust im Jahr. Dazu kamen teure Sportrechte sowie das waghalsige Engagement in der Höhe von 1,6Milliarden Dollar in der Formel1. Und so wurde schon rund um Kirchs 75.Geburtstag 2001 gemunkelt, im Konzern werde in den kommenden Jahren kein Stein auf dem anderen bleiben.

2002 ging dann alles Schlag auf Schlag. Ende Jänner 2002 forderte der Springer-Verlag für seine Beteiligung an der ProSiebenSat1-Gruppe 770 Millionen Euro von Kirch zurück – und löste damit eine akute Finanzkrise im Kirch-Imperium aus, das zu dem Zeitpunkt rund vier Milliarden Euro Schulden angehäuft hatte. Wenige Tage später stellte der Chef der Deutschen Bank, Rolf Breuer, in einem Interview die Kreditwürdigkeit der Kirch-Gruppe in Frage.

Das war der Anfang vom Ende. Kirch verklagte die Bank später auf 1,2 Milliarden Euro Schadenersatz. Im März trafen Breuer und Kirch einander vor Gericht – Kirch saß wegen seiner Diabetes bereits im Rollstuhl, wirkte aber fast vergnügt. Die Lebensfreude und den Willen zum Unternehmertum hat er sich durch keinen Rückschlag nehmen lassen. Den Kollaps seines Imperiums 2002 – die größte Pleite Deutschlands – kommentierte er mit: „Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen.“

Aus dem Nichts hatte er einen der größten Film- und Fernsehkonzerne Europas aus dem Boden gestampft. Er sei ein „Selfmademan von unglaublicher Kreativität und Tatkraft“ gewesen, sagt etwa Ex-ORF-General Gerd Bacher.

Der am 21. Oktober 1926 als Sohn eines Spenglers und Nebenerwerbswinzers in Würzburg geborene Kirch hatte nach dem Studium die Sirius-Film gegründet, um Rechte an Kinofilmen zu kaufen und diese gegen Geld dem damals noch jungen Fernsehen zur Ausstrahlung anzubieten. 1958 verkaufte er seinen ersten Film: „Freunde fürs Leben“. Später gehörten ihm Beteiligungen am Springer-Verlag, Sat1, Pro7, DSF, Premiere World, Kinoketten, Produktionsfirmen und Synchronisationsstudios.

 

Beste Kontakte zu Kohl, Strauß

Kirch galt als katholisch und konservativ. Politisch stand er den Unionsparteien CDU/CSU nahe. Beste Kontakte zu einflussreichen Politikern wie Ex-Kanzler Helmut Kohl oder dem mächtigen ehemaligen bayerischen Landeschef Franz Josef Strauß gehörten für den öffentlichkeitsscheuen Medientycoon zum Geschäft. Großzügige Kredite befreundeter Banken – allen voran die Bayerische Landesbank in der Höhe von 1,9 Milliarden Euro – auch. Im November 2001 musste sich Kirch sogar vor dem Parteispenden-Untersuchungsausschuss gegen den Verdacht wehren, einer der anonymen Spender für Kohl gewesen zu sein. Kohl stand außerdem – wie andere Unions-Politiker auch – von 1999 bis 2002 als Konsulent auf der Gehaltsliste Kirchs. Das sind die Schattenseiten eines Lebens, in dem es „nur Freunde und Feinde“ gab, wie Bacher anmerkt: „Dazwischen gab es nichts.“

Am 14.Juli ist Leo Kirch im Kreis seiner Familie im Alter von 84Jahren an den Folgen seiner langjährigen Diabetes gestorben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2011)