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Warum Männer vor Kindern zurückschrecken

Warum Maenner Kindern zurueckschrecken
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Männerforscher Josef Aigner über zu hohe Ansprüche an Väter, den Spagat zwischen Ernährer und Supervater und die versteckten Sehnsüchte der Männer.

In jüngster Zeit hört man oft, dass der Kinderwunsch der Männer signifikant sinkt. Warum wollen immer weniger Männer Kinder?

Josef Aigner: Man muss unterscheiden, ob der Kinderwunsch sinkt, oder das tatsächliche Vaterwerden. Es gibt verschiedene Studien, die besagen, dass die Männer einen genauso großen Kinderwunsch hätten, wie die Frauen. Vor seiner Realisierung schrecken sie aber zurück.

Warum?

Der Hauptgrund ist ein ökonomischer. Die Rolle des Familienernährers ist bei den Männern immer noch sehr stark. In unserer Kultur ist die Vollzeitbeschäftigung als Norm bei Männern immer noch viel stärker verinnerlicht. Die männliche Identität in unserer Kultur hängt ganz stark mit der Berufsidentität zusammen. Wenn man nicht einen halbwegs einbringlichen Job hat, fühlen viele Männer sich nicht als „richtiger“, verantwortungsvoller Mann und können deshalb auch nicht  verantwortungsvolle Väter sein. Jetzt wird selbst dieses Klischee in Frage gestellt, weil die ökonomische Situation höchst prekär geworden ist. Die Männer reagieren also „eigentlich richtig“ wenn sie den Kinderwunsch aufschieben, weil sie die Versorgung einer jungen Familie nicht wirklich leisten können.

Die Nachwuchslücke

Die DiePresse.com-Sommerserie nimmt sich ein großes Thema vor: Warum bekommen die Österreicher immer weniger Kinder? Und welche Konzepte gibt es, um diese demografische Entwicklung zu entschärfen? Am Donnerstag folgt ein Gespräch mit der Familienforscherin Christiane Rille-Pfeiffer, u.a. zu der Frage, ob es Mütter in den Augen der Gesellschaft jemals richtig machen können.

Die Männer klammern sich also immer noch sehr an die traditionelle Rolle des Ernährers?

Nein, nicht klammern. Es ist sozusagen eine verinnerlichte Automatik und ein ökonomisch-wirtschaftliches Faktum.

Dazu kommt aber noch ein zusätzlicher Punkt: Die aktive Vaterschaft. Schrecken viele Männer vor dem Spagat zwischen Ernährer und Supervater zurück?

Die Ansprüche an väterliches Verhalten sind  in den letzten zwanzig, fünfundzwanzig Jahren enorm gestiegen. Vor vierzig Jahren war ein Vater ein guter Vater, der geschaut hat, dass genug Geld da war, der nicht getrunken oder gespielt hat und nicht fremdgegangen ist. Ohne dass er nur irgendeinen Handgriff mit den Kinder tat. Heute reicht das bei weitem nicht mehr aus. Wir haben stark veränderte, zuwendungsorientierte Vorstellungen von Vaterschaft. Und dass sie das auch noch erfüllen müssen, lässt Männer, die ja sehr kinderfern und sehr berufsorientiert sozialisiert werden, zurückschrecken.

Sie entziehen sich diesen widersprechenden Anforderungen also, indem sie quasi das Kind mit dem Bade ausschütten, und Kinder verweigern.

Dieses Ausweichen ist gar nicht so bewusst und absichtlich. Wenn man die Kinderwünsche und Vaterschaftsvorstellungen von Männern abfragt, sind die oft geradezu rührend. Aber sie kriegen das nicht auf die Reihe. Sie entziehen sich dann und ziehen sich zurück in eine Erwerbswelt, die selbst höchst brüchig und unsicher geworden ist. Ich bin da immer sehr parteiisch für die Männer, ohne moralischen Zeigefinger sozusagen: die haben es nicht leicht.

War die Verklärung des neuen Vaters, der sich so aufopfernd mit den Kindern beschäftigt, ein Schuss ins Knie? Weckt das viel zu hohe Ansprüche?

Die neuen Väter sind sicher eine Minderheit, etwa 18 Prozent. Die Lebensbedingungen sind nicht danach. Eine Wirtschaft, die von den Männern so viel Flexibilität verlangt, so viel Unterwerfung und Gehorsam unter das Diktat der Ökonomie, die wird diesen neuen Vater nicht ermöglichen.

Was kann der Staat ändern, damit aus jungen Männern auch Väter werden?

Der Staat kann Rahmenbedingungen schaffen, etwa für die Karenz. Er kann Männer, die auch sonst nicht auf die Idee kommen würden, dazu „verführen“, durch eine ausreichende Entschädigung des Entfalls des Haupteinkommens. Das ist mit dem einkommensbezogenen Kindergeld ansatzweise geschehen, auch mit Maßnahmen wie dem Papamonat. Was wir bei Männern in vielen Studien entdecken ist, dass es eine versteckte Sehnsucht gibt, der verhärteten, maskulinen Konkurrenzwelt zu entkommen und sich in die der Familie zu begeben. Alles, was der Staat macht, um Schnupperphasen, wenn die Kinder ganz klein sind, auch wirtschaftlich zu ermöglichen, dient der Förderung von Väterlichkeit und der Realisierung des Kinderwunsches.

Die Zahl der Männer in Karenz ist hierzulande immer noch sehr, sehr niedrig. Dauert das einfach noch?

Es hakt schon an den Rahmenbedingungen. In Island ist es etwa so, dass das Karenzgeld für Mütter und Väter bei 2800 Euro gedeckelt ist. Für die Männer ist ein Use-it-or-lose-it-Modell dabei. Das führt dazu, dass fast 90 Prozent der Väter diese Karenz in Anspruch nehmen.

Ein Use-it-or-lose-it-Modell gibt es ja auch bei uns, zumindest in Ansätzen.

Sehr bescheiden, aber ja. Aber bei vielen Familien wird der ökönomische Druck zu groß, wenn der Mehrverdiener, und das ist meistens der Mann, ausfällt. Die notwendige Rahmenbedingung ist, dass der Staat den Männern die Möglichkeit gibt, einen adäquaten Einkommensersatz zu bekommen. Und man muss einfach auch akzeptieren, dass das alles jetzt noch nicht ganz gleichberechtigt ist, man Männer also fördern muss, sonst bekommt man sie nicht heim, sonst machen sie es nicht.

Wir haben viel über die ökonomischen  Zwänge gesprochen, aber ist ein Problem nicht auch das Männerbild? Das alte zerbröckelt, ein neues ist noch nicht recht definiert.

Es gibt diese Unsicherheit, Umbruchssituationen wirtschaftlicher Art und bei den Geschlechterverhältnissen spielen sicher auch eine Rolle für den Rückzug beim Thema Kinder. Der neue Vater ist für viele ja ein „Weichei“. Und interessant daran ist, dass die kinderlosen Frauen mit dem Bildungsniveau zunehmen, während bei den Männern die Bildung eher ein Grund ist, zu reflektieren und sich dann bewusst in diese Rolle einzubringen.

Wie könnte denn ein neues Rollenbild eines jungen Mannes und Vaters aussehen? 

Ich habe ein Problem mit diesen Bildern. Da könnte diese neue Vatertyp, über den wir vorhin gesprochen haben, schon ein Schuss ins Knie sein, weil ich glaube, das das etwas sehr Individuelles ist. Diese Typenbildungen verschrecken oft die Männer, weil sie innerlich spüren, das bringe ich nicht oder ich bin nicht so. Vaterschaft und väterliche Nähe können individuell sehr verschieden aussehen.

Aber dieses Bewusstsein kommt ja nicht von heute auf morgen...

Das hat Dimensionen in der Entwicklung von Burschen von klein auf. Was ganz wichtig ist, ist einmal die geschlechtersensible Erziehung, bei Buben und übrigens auch bei Mädchen. Und dann die Peergroup-Funktion, um vermeintliche männliche Klischees langsam zu ändern. Aber auch bei den Erwachsenen ist die gegenseitige Bestätigung unter Männern wichtig. Dass einer sagt, ich bin jetzt gerade Vater geworden, und es ist super. Die Kommunikation zwischen den Männern spielt da eine große

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Rolle.

Zur Person

Josef Christian Aigner (*1953) ist Erziehungswissenschaftler und Pädagoge, seit 2005 Professor für Psychosoziale Arbeit und Psychoanalytische Pädagogik an der Universität Innsbruck. Seine Forschungsschwerpunkte sind Väterlichkeit und Vaterentbehrung ("Der ferne Vater"), Männliche Entwicklung und Sozialisation und Mann-Kind-Beziehung in der Öffentlichen Erziehung ("Kinder brauchen Männer").