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„In dieser Zeit vor meiner Zeit“

Maja Haderlap setzt in „Engel des Vergessens“ dem Widerstand der Kärntner Slowenen gegen die NS-Diktatur ein literarisches Denkmal. Ein großer Roman mit stark autobiografischen Zügen.

Auf den ersten Seiten von Maja Haderlaps Roman „Engel des Vergessens“ steht die namenlose kindliche Ich-Erzählerin noch in einem „Dunstschleier aus Behaglichkeit“ in der Szenerie eines bunten und zeitlosen Treibens auf einem Bauernhof in Südkärnten, genauer in Lepena, einige Kilometer von Bad Eisenkappel entfernt (wo die Autorin aufgewachsen ist). Es ist eine Atmosphäre, unverändert seit Jahrhunderten, gesprenkelt mit den ersten Zeichen der Moderne, etwa einem Kühlschrank, dessen Notwendigkeit die Großmutter natürlich sofort in Abrede stellt. Für die spätere Studentin werden die Reisen zwischen Wien, wo sie studiert, und ihrem Heimatort zu „Zeitexpeditionen“, zu „Fahrten durch unterschiedliche Zeitläufte und Geschichtsvarianten, die nebeneinander existieren“. Je näher sie der Heimat kommt, desto größer wird ihr Gefühl, in die Vergangenheit zu reisen.

Folglich beginnt es in ihr schon bald zu rumoren, sie muss sich, geleitet von den Erzählungen vor allem der Großmutter, aber auch des Vaters, „in die Zeit vor meiner Zeit“ begeben. Aus Faszination und aus Schrecken gibt sie nach, so, „als ob ein aufgeschichteter Holzstoß abrollen würde nach hinten“. Das Kind erfährt solcherart, dass es da nicht nur in der Gegenwart leben kann, sondern die Vergangenheit übergroß Schatten wirft und die Zukunft sich auf diesem Boden mithin als Leichtgewicht erweist.

So erzählt der Vater der Tochter bei der Gelegenheit eines Besuchs bei der Nachbarin Anci etwa davon, wie die SS am Peršman-Hof die ganze Familie erschossen hat, da sie angeblich den Partisanen geholfen hat. Anci hat als Einzige überlebt, weil sie sich tot gestellt hat. Sie ist sieben Jahre alt gewesen und hat sechs Schüsse abbekommen; die kleinen Kinder haben laut geweint und sind alle von der SS erschossen worden. Der Vater weist die Tochter darauf hin, dass man an Ancis Kinn und an der Hand die Einschüsse noch sehen könne.

Sie erfährt, wie Polizisten immer wieder die Familien „verhört“ haben, weil Verwandte mutmaßlich zu den Partisanen übergelaufen sind oder sie denunziert wurden, Partisanen zu unterstützen. Ihr Vater wurde als Zehnjähriger von Polizisten, die nach dessen Vater gefahndet haben, dreimal an einem Ast eines Nussbaums aufgehängt und in der Polizeistation ausgepeitscht. Er hat stillgehalten. Der Vater ist dann als jüngster Partisan mit zwölf in die Wälder gegangen.

Die „großen Wälder“ waren somit ein Zufluchtsort vor den Nazis, „eine Hölle, in der Wild gejagt wird und in denen auch
sie gejagt wurden wie Wild“. Sie hausten dort in Bunkern, Erdlöchern und verlassenen Hütten, versteckt vor und kämpfend gegen die allgegenwärtigen Nazischergen. Ein letztlich unbelohnter Kampf, denn die meisten Slowenen wurden im „selbstvergessenen Kärnten“, wo das Denken des Dritten Reiches unter gewandelten äußeren politischen Verhältnissen munter weiter herrschte, teils sogar als Staatsfeinde angesehen.

Die beeindruckendste Person in Maja Haderlaps Roman ist neben dem Vater (der traumatisiert selbstzerstörerisch seiner Todessehnsucht nachhängen wird, mehrmals mit Suizid droht und seiner Frau alle Schuld an seinem Unglück zuschiebt) die Großmutter. Diese Großmutter, die mit der Enkelin in einem Bett schläft, beschließt eines Tages, ihre Erziehung zu übernehmen. Die von allen hoch geachtete Großmutter lässt sie an jenen zwei Jahren ihres Lebens teilhaben, die sie am tiefsten gezeichnet haben. Sie wurde verhaftet, mit anderen Frauen durch ihr Tal geschleift und zu Beginn des Jahres 1945 in das Lager Ravensbrück verfrachtet. Die Frauen wurden mit Lastwagen abtransportiert und kamen erst als Leichen wieder, zum Krematorium. In Ravensbrück, wo sie die Ermordung vieler miterleben musste, lag die Großmutter ebenso in der Typhusbaracke bereit zum Abtransport, doch konnte sie sich mithilfe einer Wiener Mitgefangenen auf dem Klo verstecken. Die letzte Zeit hat sie dann als Tote im Lager verbracht (sie tauschte ihre Nummer mit einer Toten). Schließlich musste sie aus dem Lager getragen werden, weil sie zu schwach war, um selbst zu gehen. Drei Tage hat sie eine Nachbarin aus dem Lepena-Tal getragen, gestützt und mit einer Schubkarre gefahren, bis die SS verschwunden war.

Schon kurz nach der Verhaftung der Großmutter, wurde ihr später erzählt, als der Hof verlassen und alles drüber- und druntergelegen hatte, war übrigens schon eine Nachbarin dabei gewesen, das Haus und den Stall auszuräumen, bevor ihre Schwester gekommen war, die nun den Großvater und die anderen Partisanen mit Lebensmitteln versorgte.

Dass Maja Haderlap in dieser Familiengeschichte die Partisanen und deren Kampf nicht einseitig glorifiziert, zeigt die weitere Chronik ihrer Erzählung, als sie, mittlerweile in Ljubljana lebend, hautnah die Entstehung des Staates Slowenien nach dem Zerfall Jugoslawiens miterlebt. Dabei thematisiert sie etwa die vielen Säuberungsmorde während des Partisanenkampfes und auch die Nachkriegsmassaker an militärischen und politischen Gegnern und an unschuldigen Zivilisten. Und sie schildert mitunter, wie die Partisanen aus den Kärntner Gräben aus dieser slowenischen Perspektive, die vor allem die Verdienste der Kommunisten rühmten, lediglich als „verstreute Waldgänger“ galten. Die „gläubigen und die ungläubigen, die unpolitischen und die halbherzigen, die enttäuschten, die zweifelnden und die ernüchterten“ Partisanen sind aus dieser Wahrnehmung einfach verschwunden.

Johi, dessen Vater in Dachau ermordet worden war und dessen Mutter krank von den Partisanen auf den abgebrannten Hof zurückkam, versucht es so zu sehen: „Alles ist gut geworden nach dem Krieg, und nichts ist wieder ganz gut.“ Oder: „Man musste zuerst anfangen, im neuen Leben das alte zu vergessen. Zuerst das Einmaleins des Vergessens, eine harte Schule?“

Die Erzählerin Maja Haderlap hat verdienstvollerweise all die Sätze, die jene tiefen Spuren der Vergangenheit verursachen, zu einer großen Erzählung gefügt. Es gelingt ihr mit dieser autobiografischen Familiengeschichte ein würdiges Erzähldenkmal für ihre Vorfahren (beispielhaft für andere Familien), die während der nationalsozialistischen Herrschaft gefoltert, gequält, ermordet wurden. Und sie lässt in diesem klug und genau strukturierten, trotz allen Herzbluts mit geradezu sachlicher Empathie geschriebenen Roman (der auch als großartige Dokumentation gelten kann) jenen Menschen, die Widerstand gegen ein aufgedrängtes Deutschtum geleistet haben, die längst fällige Gerechtigkeit widerfahren. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2011)