Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl

Geschichtsvergessenheit und -klitterung made in USA

Nicht nur bei Schülern klaffen Lücken in der Kenntnis der Historie des Landes, auch hochrangige Politiker tun sich schwer.

So beherzt die Amerikaner bei jeder Gelegenheit, gleichsam mit der Hand auf der Brust, die Einzig- und Großartigkeit ihrer Nation beschwören, so begeistert sie Nationalfeiertage wie jüngst den Unabhängigkeitstag im patriotischen Überschwang mit Paraden und Feuerwerken zelebrieren, so sehr klaffen Lücken in der Kenntnis der Historie, die das Klischee eines geschichtsvergessenen, lediglich an der Zukunft orientierten Volks bestätigen.

Eine Mehrheit der US-Schüler vermag einer Studie zufolge den US-Feind im Korea-Krieg nicht zu benennen; geschweige denn, dass sie die historische Errungenschaft Abraham Lincolns richtig zuordnen könnte. Nicht genügend, lautet das Fazit der Forscher. Dabei gilt der Sklavenbefreier Lincoln, ein Republikaner aus Illinois, als Vorbild Barack Obamas und gemeinhin als größter Präsident der US-Geschichte – und nebenbei auch als der größtgewachsene.

Ein Besuch am Lincoln-Memorial in Washington, Stätte der denkwürdigen Rede Martin Luther Kings und Schauplatz von Antikriegsdemonstrationen, gehört zum obligatorischen Programm von Schulklassen und Touristen aus dem ganzen Land. In Marmor sind hier jene Worte eingemeißelt, die die Rassenschranken pro forma aufgehoben haben.

Nicht, dass es an Standardwerken fehlen würde. Jährlich kommen neue hinzu. Eine eigene Zunft, die sogenannten Präsidentschaftshistoriker, stellt die aktuelle Politik in Relation zur Vergangenheit. Amerikaner berufen sich auf die Pionierzeiten, Politiker schwelgen gern in der Unterabteilung der heroischen Historie. Zuweilen gerät aber manches durcheinander. Wenn die republikanische Präsidentschaftskandidatin Michele Bachmann davon spricht, dass sich die Gründerväter unerlässlich dem Kampf gegen die Sklaverei verschrieben hätten, sollte sich niemand über die breite Unkenntnis wundern. Die Präsidenten George Washington und Thomas Jefferson haben ein kleines Sklavenheer auf ihren Besitzungen beschäftigt, und Jefferson hat mit seiner Lieblingssklavin sogar Kinder in die Welt gesetzt.

Für den Gipfel an Geschichtsklitterung sorgten freilich übereifrige Anhänger Sarah Palins. Just in Boston, dem Geburtsort der US-Revolution, erklärte die ehemalige Vizepräsidentschaftskandidatin, dass Paul Revere in seinem legendären mitternächtlichen Ritt nicht die Kolonialisten vor dem Vormarsch der britischen Armee gewarnt habe, sondern umgekehrt diesen mit einem Angriff der Aufständischen drohte. Auf Nachfrage beharrte sie auf ihrer Version und zeterte hinterher via Twitter über die „Fangfrage“. Noch in der Nacht machten sich „Palinistas“ daran, die Fakten im Internetlexikon Wikipedia im Sinne ihres politischen Idols zu verdrehen – allerdings so offensichtlich, dass die Sache aufflog.

 

E-Mails: thomas.vieregge@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2011)