Biologie: Zumindest im Tierreich stehen die ganz oben in der Hierarchie unter dem gleichen Stress wie die ganz unten.
Robber barons“ wurden sie genannt, die Tycoons, die in den USA Ende des 19.Jahrhunderts ihre Vermögen machten, sich dabei über jedes Gesetz stellten und über Leichen gingen. Aber selbst ihnen, den Vanderbilts und Astors und Morgans, wurde es manches Mal zu viel: Dann trafen sie sich in Batikhemden in den Wäldern, erzählten einander ihre Sorgen und trommelten gemeinsam. Am Ende gab es eine Umarmung der ganzen Gruppe.
So einfach werden Pavian-Männchen ihre Spannung nicht los. Dabei haben sie das gleiche Problem: Die ganz oben in der sozialen Hierarchie – die Alphamännchen – haben zwar die größte Macht bzw. die höchsten Reproduktionschancen, aber sie rangieren auch beim Stress ganz oben, sie verraten es in ihrem Kot. Jenen von 125 Männchen in fünf verschiedenen Gruppen in Kenia hat Laurence Gesquire (Princeton) neun Jahre lang gesammelt und auf die Gehalte von Stresshormonen (Glucocorticoiden) und dem Sexualhormon Testosteron analysiert. Dabei zeigte sich, dass Alphamännchen viel höhere Glucocorticoidgehalte haben als Betamännchen, die Testosterongehalte hingegen unterschieden sich nicht.
Offenbar braucht das Halten des Spitzenplatzes Energie, Alphamännchen sind öfter in Kämpfe verwickelt und bewachen ihre Weibchen eifriger. Das bringt ihnen den gleichen Stress, wie ihn jene ganz unten in der Hierarchie erleiden, die Omegamännchen, die von allen anderen verprügelt werden (Science, 333, S.357).
Ob das für die Bosse gesundheitliche Folgen hat, ist nicht klar, Glucocorticoide bringen im Kämpfen Vorteile, aber langfristig schwächen sie das Herz und das Immunsystem, zumindest ist das bei Menschen so. Paviane hingegen haben kräftige Herzen – sie sind viel in Bewegung –, und sie halten sich auch nicht lange an der Spitze, fallen leicht auf den stressfreien zweiten Rang zurück (und dann tiefer, wobei sich der Stress von Stufe zu Stufe erhöht). Die Weibchen bei den Pavianen sind klüger: Sie erben den sozialen Rang und werden selten von Konkurrentinnen herausgefordert.
Problem der Macht
Aber das Ganze ist kein grundsätzliches Problem von Männern, sondern eines der Macht: Bei Zebramangusten, sozial lebenden Raubtieren aus der Familie der Katzenartigen, versuchen dominante Weibchen die Reproduktion von subalternen zu verhindern und verjagen Trächtige aus der Gruppe, deren Embryos gehen dann ab. Der Preis ist hoch, Matthew Bell (Cambridge) hat ihn erhoben. Wenn die Dominanten gerade selbst schwanger sind, wenn sie Rangniedrigere attackieren, kommen ihre eigenen Jungen mit weniger Gewicht zur Welt. Und wenn die Mütter dann wieder über andere herfallen, wachsen die Jungen langsamer und sterben früher (Proc. Roy. Soc. B, 13.7.).
Und beim Menschen? Da bringt ein niederer Rang im sozioökonomischen Status chronischen Dauerstress und eine schlechtere Gesundheit, Robert Sapolsky (Stanford) hat es erkundet. Trotzdem rät er zur Vorsicht beim Übertragen des Pavian-Befunds: „Wir sind nicht in so strikte Dominanzhierarchien eingebunden.“ Wer an seinem Arbeitsplatz hinten rangiert, kann auf anderem Gebiet ganz vorne sein, etwa in einer Sportart brillieren oder als Gedächtniskünstler in einer TV-Show.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2011)