Das Geschichtsbuch wird nie zugeklappt, auch heute nicht

Die Beisetzung Otto Habsburgs zeugt von einem unverkrampften Umgang der Republik mit seiner Geschichte. Nachdenklichkeit ist dennoch angesagt.

 

Er vertrete die Republik und habe als deren Repräsentant kein Problem, am heutigen Requiem für Otto Habsburg im Dom zu Sankt Stephan teilzunehmen. So schlicht und doch prägnant legt der Bundespräsident seinen Standpunkt dar – offensichtlich nicht zur Freude aller Funktionäre in der SPÖ, der er schließlich sein hohes Amt verdankt. Heinz Fischer hatte – und hat – für die Grundströmung in der Bevölkerung stets ein gutes Gespür. Und die lautet in diesem Fall ganz offensichtlich: keine Nostalgie, was die versunkene Donaumonarchie betrifft, keine schwarz-gelbe Demonstration ewig Gestriger, sondern die würdige und verdiente Verabschiedung eines großen Europäers, dem das kleine Österreich viel zu danken hat. Das geschah während Hitlers Annexion, zu einer Zeit also, da Frau Prammer noch nicht das Licht der Welt erblickt hatte.

Ottos Tod und seine Beisetzung in der Kaisergruft könnte und sollte für Österreich gegebener Anlass sein, mit sich, mit seiner Geschichte in allen Höhen und Tiefen ins Reine zu kommen. Das ist ein hoher Anspruch – und bleibt wahrscheinlich ein frommer Wunsch. Wer das Gezerre und mutlose Herumdrucksen um ein längst überfälliges „Haus der Geschichte“ in den letzten Jahren aufmerksam mitverfolgt hat, der muss verzweifeln. Seit Jahrzehnten verschimmelt dieses höchst notwendige Projekt in den Schreibtischladen des Kanzleramtes und wird dort wohl auch die nächsten Jahre überdauern.

In diesem „Haus der Geschichte“, sollte es ja Realität annehmen, wird die Person Otto Habsburgs ihren gebührenden Stellenwert einnehmen müssen. Gebührend: Das heißt, nicht überbewertet, sondern mit dem nötigen Abstand in jener Objektivität, die der nächsten Generation gut ansteht. Er hat diesem Land gedient, wie es ihn die resolute Mutter lehrte. Er hat für dieses Land gearbeitet, das ihm keine politische Funktion zuteilte. Und er hat – früher als viele seiner Zeitgenossen – erkannt, dass einzig und allein der europäische Einigungsgedanke all den vielen Völkern Europas eine Zukunft in Frieden und Freiheit garantieren kann.

Diesen Gedanken hat Otto Habsburg te mit Verve und Intelligenz verfochten. Und weil ihm die eigene Heimat dazu kein Mandat erteilen wollte, nahm er die Doppelstaatsbürgerschaft dankend an, die ihm der Bayer Franz Josef Strauß verschafft hatte. Das Europäische Parlament wurde seine Bühne. Und jeder, der Otto je dort erlebt hat, wird zugeben müssen, dass er in Brüssel und in Straßburg Ehre für Österreich eingelegt hat. Denn als Österreicher empfanden ihn die Kollegen des Parlaments. Dass der als Erzherzog Geborene besondere Freude darüber empfand, dass sich immer mehr Länder der ehemaligen Monarchie unter dem Dach der Europäischen Gemeinschaft zusammenfinden – wer wollte ihm dies verdenken? Es gab und gibt zu diesem Friedenswerk unserer Generation keine akzeptable Alternative, trotz der Schwächen und Fehlentwicklungen, die wir alle kennen und beklagen.


Was bei der Beisetzung von Exkaiserin Zita noch zu einem Sturm der Empörung geführt hätte, ist heute der logische Schlusspunkt einer langen Wegstrecke, die Otto und die Zweite Republik zurücklegen mussten, um zu einer vernünftigen Aussöhnung zu gelangen: Das Bundesheer wird sich – in Minimalvariante – an den Feierlichkeiten beteiligen. Heinz Fischer hat hier als Oberster Befehlshaber hinter den Kulissen mitgewirkt. Und das Signal ist überdeutlich: Das „Haus Habsburg“ ist mit Ottos Tod Geschichte, es gibt keinen Grund mehr für überzeugte Republikaner, vor irgendwelchen Herrschaftsansprüchen Furcht zu haben.

Die Nachkommen mögen „politische Menschen“ sein, wie dies Sohn Karl bereits andeutet. Aber man wird sie an ihren Taten als Privatleute zu messen haben. Wenn sie für Europa – und damit auch für Österreich – einen herzeigbaren Einsatz leisten, wird man sie individuell danach beurteilen und nicht nach dynastischen Gesichtspunkten. Wahrscheinlich gibt es für die Familienmitglieder ja erst jetzt eine wirkliche Chance, aus dem Schatten „Ottos des Großen“ hervorzutreten. Und durch eigene Leistungen zu wachsen. Leicht wird das nicht.

 

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2011)