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ÖVAG und sieben EU-Banken durchgefallen

(c) APA (HANS KLAUS TECHT)

Beim europäischen Stresstest sind nur acht Banken durchgefallen. Betroffen sind fünf spanische und zwei griechische Institute. In Österreich hat es das Volksbanken-Spitzeninstitut ÖVAG erwischt.

Wien. Das Volksbanken-Spitzeninstitut ÖVAG wird in die Bankengeschichte eingehen: Wie „Die Presse“ bereits zu Wochenbeginn angedeutet hat, ist die ÖVAG das erste österreichische Finanzinstitut, das bei einem europäischen Bankenstresstest durchfiel. Die Ergebnisse wurde am Freitag veröffentlicht. Die ÖVAG hat demnach die im Krisenszenario vorgeschriebene Messlatte bei der Kernkapitalquote von fünf Prozent klar verfehlt.

Entwarnung gibt es für die anderen Testteilnehmer aus Österreich: Erste Bank, Bank Austria und Raiffeisen Bank International bestanden die Hürde problemlos.
Die ÖVAG muss der Aufsicht nun Maßnahmen darlegen, wie sie zu Geld kommt. Finanzministerin Maria Fekter (ÖVP) erklärte, der Bund sei zu weiteren Hilfen bereit. Dabei schloss sie eine Teilverstaatlichung der Bank nicht aus. Die ÖVAG hatte bereits im Zuge der Finanzkrise eine Mrd. Euro vom Bund erhalten. Von den neunzig untersuchten Instituten sind acht durchgefallen. Neben der ÖVAG hat es fünf spanische und zwei griechische Banken erwischt. Diese brauchen in Summe 2,5 Milliarden Euro an frischem Kapital.

Sechzehn weitere Banken erfüllten die Anforderungen nur knapp. Diese sollen unter verschärfte Beobachtung der Aufsicht gestellt werden. „Die Presse“ bringt dazu die wichtigsten Fragen und Antworten:

1. Was soll der Stresstest eigentlich bewirken?
Die Aufsichtsbehörden und die Regierungen versuchen mit dem Test, das mit der Finanzkrise verloren gegangene Vertrauen der Investoren in die Banken wiederherzustellen. Die Belastungsprobe ist mit einem „Crashtest“ für Autos vergleichbar. Die Aufsicht untersucht, wie stark die Konzerne bei einem neuerlichen Wirtschaftseinbruch unter Druck gerieten.

2. Welche Banken wurden unter die Lupe genommen?
Geprüft wurden neunzig Großbanken aus 21 Ländern. Die Europäische Bankenaufsicht mit Sitz in London hat vorgeschrieben, dass in jedem Land jene Institute „gestresst“ werden, die zusammen 50 Prozent des nationalen Finanzsektors abdecken. Im stark zersplitterten deutschen Markt sind das 13 Finanzkonzerne. In Österreich gibt vier Teilnehmer.

3. Welche Banken sind bei dem Test durchgefallen?
Negativ abgeschnitten haben neben der ÖVAG nur noch Institute aus Griechenland und Spanien. In Deutschland ist die Hessische Landesbank (Helaba) ein Sonderfall. Sie ist in letzter Minute von sich aus ausgeschieden, als sie erfahren hat, dass sie zu den Verlierern gehören wird. In Griechenland sind die ATE Bank und die EFG Eurobank durchgefallen, in Spanien versagten Caja 3, Catalunya, Unnim, CAM sowie die Banco Pastor.

Dabei handelt es sich um kleine Institute. In Österreich ist die ÖVAG zwar die Nummer vier in der Finanzbranche, aus europäischer Sicht jedoch unbedeutend. Den Test bestanden haben alle „Big Player“ wie Deutsche Bank, Commerzbank, die Bank-Austria-Mutter UniCredit, die spanische Banco Santander und die französische Société Générale.

Dass nicht mehr Finanzkonzerne Probleme haben, hängt damit zusammen, dass die Aufsicht staatliche Zuschüsse als Eigenkapital anerkennt. Gerade irische Banken erhielten zuletzt Milliarden vom Steuerzahler. In den nächsten Jahren werden diese aber das Geld zurückzahlen müssen.

4. Was genau hat die Aufsicht unter die Lupe genommen?
Am Computer wurden mehrere Szenarien durchgespielt. Im Krisenfall wird davon ausgegangen, dass die Wirtschaftsleistung über zwei Jahre hinweg (2011 und 2012) in Summe um vier Prozentpunkte gegenüber den Prognosen schrumpft. Gleichzeitig werden ein Anstieg der Zinsen, ein 15-Prozent-Kursrutsch an den Börsen sowie ein Verfall der Immobilienpreise simuliert.

5 Wie hoch ist die Messlatte für die geprüften Institute?
Alle neunzig Banken mussten beweisen, dass ihre harte Kernkapitalquote bis Ende 2012 auch unter den extremen Bedingungen nicht unter fünf Prozent fällt. Die ÖVAG schaffte es nur auf 4,5 Prozent. Die Kernkapitalquote gibt das Verhältnis des Kernkapitals (das von den Eigentümern eingezahlte Kapital plus einbehaltener Gewinne – sozusagen die eiserne Reserve für Notfälle) zur Summe der Kredite an. Hier wurde der Test verschärft: Im Vorjahr lag die Messlatte bei sechs Prozent. Die Erste Bank kommt im Krisenszenario auf eine Kernkapitalquote von 8,1 Prozent, Raiffeisen auf 7,8 Prozent. Die Bank Austria ist im Ergebnis der UniCredit enthalten, die 6,7 Prozent erreicht. Die Österreicher schneiden besser ab als Deutsche Bank (6,5 Prozent) und Commerzbank (6,4 Prozent).

Auf Platz eins liegt im Test die spanische Banca March (23,5 Prozent), gefolgt von „Irish Life“ (20,4 Prozent) und der dänischen Sydbank (13,6 Prozent).

6 Warum wird der Stresstest trotz der Verschärfung kritisiert?
„Die wirkliche Schwäche des europäischen Bankensystems wird nicht getestet“, kritisiert Hank Calenti, Leiter der Bankenanalyse bei der Société Générale. Zwar simuliert der Test alle möglichen Veränderungen, ein Totalausfall von Staatsanleihen ist aber nicht vorgesehen. Dabei halten Experten einen Schuldenschnitt Griechenlands für wahrscheinlich.

7 Was müssen die durchgefallenen Banken tun?
Ihre Kernkapitalquote erhöhen. Bis Ende September müssen die betroffenen Banken den Aufsehern einen Plan vorlegen. Die ÖVAG will von einer Verstaatlichung nichts wissen. Sie hat sich entschieden, ihre Osteuropa-Tochter an die russische Sberbank zu verkaufen. Weitere 480 Millionen Euro soll die Abgabe des RZB-Anteils bringen. Wären diese Maßnahmen beim Stresstest berücksichtigt worden, hätte die ÖVAG nach eigenen Angaben eine Kernkapitalquote von 6,6 Prozent erreicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16. Juli 2011)