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Co-working Spaces: Clubräume für Geistesblitze

Coworking Spaces Clubraeume fuer
Symbolbild(c) Bilderbox
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Freelancer zieht es vermehrt in Co-working Spaces. Dort mischt sich geordnete Büroinfrastruktur mit lockerer Kaffeehausatmosphäre. Doch Kreative erwarten sich von den Gemeinschaftsbüros heute schon mehr.

Mit der Freiheit ist es so eine Sache. Die will gut ausgehandelt sein, vor allem mit sich selbst. Und vor allem dann, wenn man als kreativer Freelancer arbeitet. Zuerst denken viele: Wozu im Büro sitzen, wenn man doch mit Laptop und Handy überall arbeiten kann? Dann wird schnell klar: So einfach ist das Arbeiten im Kaffeehaus oder am Küchentisch dann doch nicht. Denn ewig lockt die wahre Freiheit, das Schwimmbad, das Buch, das Kino – und schneller, als man für möglich hält, hat man seine Aufschiebe-technik derart perfektioniert, dass man nur mehr faulenzt, wenn andere arbeiten und arbeitet, wenn andere faulenzen. Und im Ernstfall wird man durch das viele alleine Arbeiten auch ein wenig schrullig obendrein. Also sucht man sich erst recht wieder kollegiale Nestwärme und marschiert reuig dorthin, wo man hergekommen ist: ins Büro. Nicht in das archetypische Büro der Krawattenträger, Kantinen und des gelangweilten „Mahlzeit!“-Hin- und Hergeraunes, sondern in ein Gemeinschaftsbüro, in einen „Co-working Space“, wie man neuerdings sagt. In diesen kreativen Räumen, in denen sich immer mehr Businessnomaden einnisten, um so etwas wie sozialen Anschluss zu spüren, hat sich einiges getan. Die Zielgruppe ist breiter, die Ansprüche sind höher. Und selbst am Land findet man Gemeinschaftsbüros, die nichts vermissen lassen.


Atmosphäre gefragt. Während in den Nullerjahren die Arbeitsplatztypologie Gemeinschaftsbüro noch derart neu war, dass sie schon allein deshalb als außergewöhnlich galt, muss man dem „Co-worker“ heute schon etwas mehr auftischen als nur einen Schreibtisch mit Kaffeemaschinen und Kopiereranschluss. Aber: Der „Co-worker“ muss auch selbst etwas dazu beitragen, dass sein Schreibtisch genau am richtigen Ort für ihn steht. Moderne Gemeinschaftsbüros verbreiten nämlich fast schon so etwas wie Clubfeeling. Und dafür zahlt man zwischen 20 und 500 Euro im Monat.

„Am Anfang lernt man sich kennen, dann schaut man, wie viele Stunden man im Büro verbringen möchte – und dann, wenn man oft da ist, bekommt man schließlich einen Büroschlüssel“, erklärt Hinnerk Hansen vom Gemeinschaftsbüro „The Hub“ in der Wiener Lindengasse. Und noch etwas hat sich in den letzten Jahren herauskristallisiert: Man mietet die Atmosphäre mit, den ganzen „Büro-Lifestyle“ quasi. Und zwar genau den, der zu einem passt. Woher dieser Trend kommt? So richtig weiß das keiner. Aus den USA? Aus Berlin vielleicht.

„Kann gut sein. Bei uns hier in Berlin ist die Nachfrage jedenfalls enorm“, sagt Marie Jacobi vom Gemeinschaftsbüro „Wostel“ im Bezirk Neukölln. Zu Beginn hatte sie noch fünf Mitbewerber in der Stadt – mittlerweile, nach nur einem halben Jahr, sind es über 20. Mit den großen Fabrikshallen und Lofts sei es jedoch wieder vorbei. Persönlicher und kleiner sei wieder gefragt, meint Jacobi. Schließlich sitze man ja nicht nur zum Spaß im Büro. „Man möchte ja auch arbeiten und neue Aufträge an Land ziehen.“ Und das gehe in kleinen Strukturen nun mal besser, sagt sie. „In den großen Lofts sitzen viele Bluffer, die nur so tun, als würden sie arbeiten. In kleineren hingegen schaut man sich eher auf die Finger und arbeitet höchstwahrscheinlich mit Leuten zusammen, die auf derselben Wellenlänge sind.“ Die Spezialisierung sei übrigens auch charakteristisch für die neuen Co-working Spaces, meint Jacobi. Denn der beinahe obligate Wuzzler und die betont lockere Atmosphäre reichen nicht mehr, die Gemeinschaftsbüros müssten schon etwas „Spezielles“ ausstrahlen, um die Freelancer anzuziehen und längerfristig zu halten. Das kann zum Beispiel ein angeschlossenes Fotostudio sein oder eine Werkstätte, ein Garten oder auch ein Geschäftslokal. Beim Berliner „Wostel“ ist die Vintageeinrichtung aus den 1930er- bis 1960er-Jahren das atmosphärische Unterscheidungsmerkmal. „Wenn da jemand sagt ,Wollt ihr euch nicht mal g'scheite Möbel von Ikea kaufen?‘, dann weiß ich schon, der passt nicht“, erzählt Jacobi. Ist jemand dagegen hingerissen von den alten Ohrensesseln und flauschigen Sofas, ist auch die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er mit den Leuten vor Ort gut klarkommt. Und der Schreibtisch entscheidet schon gar nicht allein über die Qualität der Einrichtung: „Es ist doch viel feiner, wenn man auf einer hübschen Couch in den Raum blickt, als wenn man unter einer kalten Neonlampe sitzt“, so Jacobi. Wenn's dann arbeitstechnisch richtig zur Sache geht, ist ohnehin alles da, was man braucht: Kopierer, Scanner, Postservice, Sekretärin und natürlich Besprechungszimmer, das beim „Wostel“ früher eine Lkw-Einfahrt war. Das Büro liegt eben nicht versteckt in irgendeinem Hinterhof, sondern direkt an der Straße. Dort wo die Passanten weniger Hemmungen haben, auch mal ins Gebäudeinnere abzuzweigen. Und dort, wo man auch mal Aussicht auf ganz banale Dinge hat, wie etwa den Briefträger, der die Post bringt. Oder die Oma, die mit dem Hund Gassi geht. „Leute, die kreativ arbeiten, brauchen solche Inspirationen“, ist Jacobi überzeugt.

Couch mit Clubfeeling. Doch nicht nur die Menschen auf der Straße können inspirieren. Oft sind es auch die Leute, die nur ein paar Schreibtische weiter sitzen. Im „The Hub“ in der Wiener Lindengasse spielt die soziale Anbindung eine große Rolle. Die würden am selben gedanklichen Strang ziehen, sagt Hansen: „Wir arbeiten an den Schnittstellen der Gesellschaft und setzen uns für eine bessere Welt ein.“Und diese fügt sich auch zusammen aus nachhaltigen Technologien, „Fair Fashion“, Social Investment und Sozialökonomie. Die Arbeit der Kleinstunternehmen, die dort zusammenkommen, wird auch von den Büroleitern unterstützt, notfalls sogar vorangetrieben. Man greift den Unternehmen auch mal mit Businessplänen unter die Arme. Aber auch die „Büro-Community“ selbst arbeitet an eigenen Ideen. So hängt etwa am Fenster eine „Windowfarm“, gebaut aus verkehrt aufgehängten Plastikflaschen, in denen man Pflanzen züchten kann.

Die Einrichtung ist flexibel gehalten. Es gibt zwar fixe Fensterplätze mit Kaffeehausflair, an denen man fokussiert arbeiten kann, der Rest ist aber grundsätzlich form- und gestaltbar. In der Mitte des Raumes liegen Tischplatten mit Mauerböcken, die man sich so auf- und zusammenstellen kann, wie man gerade möchte und wie es die Situation erfordert. Der Rest des Raumes ist verspielt gestaltet, etwa mit einer Shakespeare- und Mozart-Telefonzelle, einer Schaukel und gelben Bauhelmen. Die gesamte Einrichtung wurde mit dem Lichtdesignstudio Mumm gestaltet – und in Eigenregie aufgebaut. „Es war uns wichtig, dass wir alte Dinge wiederverwenden“, sagt Hansen. Upcycling sieht im „The Hub“ zirka so aus: Die Pinnwand war früher eine alte Eisentür und die Seitenwand des Podestes, wo man auf Stufen gemütlich die Lage überblickt und ein wenig herumlungern kann, stammt aus der Automobilindustrie.

Die Zielgruppe jener, die Co-working Spaces suchen und nutzen, wird breiter, meint Roland Alton, stellvertretender Vorsitzender der creativ wirtschaft austria. Er selbst war maßgeblich daran beteiligt, dass sich heute nicht nur in Wien, sondern auch in kleineren Städten sowie am Land die Türen von Gemeinschaftsbüros öffnen. „Denn dort gibt es mittlerweile genauso viele Selbstständige wie in der Stadt“, sagt Alton. Sogar im kleinen Feldkirch in Vorarlberg wird ein Gemeinschaftsbüro genützt. Und wenn es nach Alton geht, könnten es getrost noch mehr werden. Schließlich suchen mittlerweile nicht nur Vertreter der Kreativwirtschaft Arbeitsplätze, Vernetzung und sozialen Anschluss. Doch Alton meint, dass die Arbeitsform nicht für alle Berufsgruppen geeignet sei. „Denn eine gemeinsame Kultur und ein Verständnis muss schon vorhanden sein“, sagt er.


Auch mal gänzlich analog. Aber man braucht auch nicht immer ein gemeinsames Büro oder gar ein Glasfaserkabel, damit Kreative voneinander profitieren. Die Künstler Markus Kircher und Turi Werkner können eher wenig damit anfangen. „Wir arbeiten frei von neuen Medien“, sagt Kircher. Und das sei keine bewusste Entscheidung im Sinne einer Kasteiung. Die beiden brauchen die neuen Medien einfach nicht. „Das ist doch ein entsetzlicher Anblick, wie die Leute sich krümmen und in den Bildschirm schauen. Die müssen doch etwas Besseres zu tun haben“, sagt Werkner und äfft die typische Büroarbeitsplatzkörperhaltung nach, der Laptop ist dabei ein Pappendeckel. Dementsprechend „old school“ ist auch ihre Arbeitsweise und der kreative Ausstausch. Keine Spur von Blogs, Social Networks, virtuellen Gruppen, Postings- und Online-Kommentaren. Nein, beide stellen Bücher her, in denen man blättern kann, im Format A6. Und diese schicken sie sich dann mit der Post hin und her, kommentieren und reagieren. In zweieinalb Jahren sind mit dieser Heftkorrespondenz 24 Unikate entstanden, die sie demnächst ausstellen.

„The Hub“
ist Sammel und Auffangbecken für herumstreunende Businessideen, die sich den dringlichsten Problemen und Agenden der Welt widmen. (http://vienna.the-hub.net)

Mingo-Büros
An sieben Standorten in Wien bietet die Wirtschaftsagentur Wien Start-ups und Jungunternehmern flexible Büroflächen. (www.mingo.at)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.07.2011)