Warum Anleger bei Aktienengagements zurückhaltend sein sollten, bis sich die Nebel um die Eurokrise lichten. Charttechnik oder Unternehmensfundamentals sagen für die nächsten Wochen genau null aus.
Bemerkenswert, wie vergleichsweise robust die Börsen auf den Italien-Schock reagiert haben. Da ist offenbar schon vieles an Euro-schrecken in den Kursen enthalten. Charttechnisch sieht es für die meisten für österreichische Anleger wichtigen Indizes gar nicht so schlecht aus. Besonders die amerikanischen geben kurzfristig ein ziemlich gutes Bild ab. Für den ATX gilt das allerdings weiterhin nicht.
Trotzdem würde ich jetzt bei Aktienengagements sehr zurückhaltend sein. Charttechnik oder Unternehmensfundamentals sagen für die nächsten Wochen nämlich genau null aus. Was jetzt zählt, ist Politik. Genau genommen die Krisenbewältigungspolitik der Eurozone. Und diese sieht derzeit leider so aus, dass man die Politikergagen der Euro-Finanzminister und Regierungschefs gern zum „Hilflosenzuschuss“ umdeklarieren würde.
Dass der Hut brennt, ist nach dem nur teilweise abgewehrten Hedgefonds-Angriff auf Italien evident. Und das eindringliche „shortly“ und „without von delay“, mit dem die österreichische Finanzministerin nach dem letzten Ecofin in Brüssel auf die Dringlichkeit einer Lösung für die Euro-Schuldenkrise hingewiesen hat, ist leider viel mehr als nur die Quotenlachnummer der Woche auf YouTube. Es ist das Eingeständnis, dass auch den politisch Verantwortlichen die Nerven zu flattern beginnen.
Wir werden also schon in den nächsten Wochen oder Monaten entweder einen möglichen Ausweg aus dem Euro-Schuldendesaster sehen – oder einen Knall hören, der für jeden, der etwas auf der hohen Kante hat, sehr unangenehm werden könnte.
In einer derartigen Situation kann man mit Aktien und Derivaten zwar sehr ertragreich in beide Richtungen kurzfristigst zocken (wenn man das kann, sonst sollte man um Himmels willen die Finger davon lassen). Aber Langfristinvestments wären jetzt ungefähr vergleichbar mit einer Autobahnfahrt, bei der man mit Höchstgeschwindigkeit in eine Nebelwand rast.
Stattdessen könnte man sich überlegen, einen Teil seiner Anlagen eurokrisenfest zu machen. Also etwa in stabile Nicht-Euro-Währungen wie etwa den Schweizer Franken zu gehen oder den Sicherheitsanker in Form von Gold ein wenig aufzustocken. Das ist zwar auch kein hundertprozentiger Schutz, denn eine wirklich deftige Eurokrise bekäme natürlich auch auf den Finanzmärkten globale Dimensionen. Und wenn es der Politik gelingt, die Euro-Malaise zu entschärfen, dann wird man mit Gold auf dem derzeitigen Preisniveau eher doch Verluste einfahren. Aber es wirkt in unsicheren Zeiten ein wenig wie eine Versicherungsprämie.
Wer gute Aktien – also solche von Unternehmen, die eine Krise wahrscheinlich überleben würden – hat, muss nicht in Panik verfallen. Aktien sind Sachwerte. Sie leiden in Krisen zwar auch. Langfristig stehen die Chancen aber nicht so schlecht, dass sie Verluste wieder aufholen (außer natürlich, man hat in einer Blase viel zu teuer gekauft).
Trotzdem: Zu Neuengagements kann man längerfristig orientierten Anlegern derzeit aber nicht raten. Wer es trotzdem versuchen will: Es gibt noch genug Analysten, die das anders sehen. Diese Woche etwa hat Goldman Sachs das Kursziel für Porsche(ISIN DE000PAH0038) von 87 auf 105 Euro angehoben und die „Buy“-Empfehlung erneuert. Die Aktie, die am Freitag stark zugelegt hat, notiert derzeit bei 56,63Euro, Goldman Sachs spricht dem Papier also enormes Potenzial zu. Die Porsche-Kaufempfehlung ist Teil einer Branchenstudie über die Autoindustrie, in der die US-Bank der gesamten Branche eine rosige Zukunft prophezeit: Die globalen Absatzprognosen seien eindeutig zu tief angesetzt. Der starke Markt werde Autobauern und deren Zulieferern mehr Gewinnpotenzial verschaffen, die europäische Autoindustrie sei so gesehen an den Börsen generell unterbewertet.
Exane BNP hat den deutschen Chipindustrie-Ausrüster Aixtron(ISIN DE000A0WMPJ6) und den Halbleiterproduzenten Infineon(ISIN DE0006231004) mit „Outperform“-Bewertungen versehen und ihnen Kursziele von 30 bzw. zehn Euro verpasst, was in beiden Fällen Kurspotenziale von mehr als 40 Prozent bedeutet. Allerdings, so schränken die Analysten ein, die Aussichten für die Halbleiterindustrie könnten sich im zweiten Halbjahr verschlechtern. Und: Infineon sei der letzte Halbleiterwert, in den sich ein Investment überhaupt noch lohne.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.07.2011)