Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Die Wiener Nudel ist batzweich

Oder: Warum Beilagen allgemein übel beleumundet sind, die Nudel aber am übelsten.

Diese Woche endet eine Epoche. Eigentlich gleich zwei. Eine lange wechselvolle und eine eher kurze heftige. Menschen mit Hang zu Aristokratie und großer Geschichte begruben am Samstag die k.u.k. Ära in der Kapuzinergruft (angesichts der dieswöchigen Töchtersöhne-Diskussion kann man, zumindest, was die ehemalige Kaiserhymne angeht, wohl spielend eine Mehrheit für die Auffassung finden, dass etwas Besseres nicht nachkommt). Jene Menschen, die eher Sympathien für die Muggel hegen, mussten sich mit dem achten Teil der „Harry Potter“-Verfilmung endgültig von ihrer fiktionalen Leitfigur verabschieden. Viele wurden von den Hogwart-Schülern beim Erwachsenwerden begleitet.

Für all jene, die sich weder für dunkle Zauberer noch für strahlende Dynastien interessieren, bleibt immer noch das Nudelsieb. Ein solches darf ein österreichischer Atheist auf seinem offiziellen Führerscheinfoto tragen. Er hat dieses Recht analog zum erlaubten Kopftuch als religiöses Symbol einer Pasta-Religion geltend gemacht, da auch mit Sieb das Gesicht noch einwandfrei zu erkennen sei.

Um die Geschichte vollständig zu verstehen, muss man aber das österreichische Verhältnis zu Beilagen kennen. „Beilagenesser“ ist das hiesige Synonym zum bundesdeutschen „Warmduscher“. Unter den Beilagen wiederum hat die Nudel das mit Abstand schlechteste Standing. Die Konnotationen zu Teigwaren sind durchwegs negativ.

Wurde eine Sache „hingenudelt“ und damit „vernudelt“, ist nicht mehr viel damit anzufangen. Über eine Person lässt sich kaum etwas Ärgeres sagen, als dass sie auf der Nudelsuppe dahergeschwommen sei. Auf Frittaten-, Grießnockerl- oder Leberknödelsuppe zu treiben gilt dagegen als lässliche Sünde. Und dann lauert da natürlich noch das „Nudelaug“ im Konnotationsschrank. Ein rüdes Schimpfwort, denkt man bei dem Wort Nudel in Wien doch keinesfalls vorrangig an Teigwaren. Beim Nudelsieb als Symbol schwingt jedenfalls jede Menge Despektierliches mit.

Was das Abseihen von Spaghetti, Penne und Spirali angeht, hat man sich weltweit auf den Al-dente-Standard geeinigt. Die echte Wiener Nudel ist immer noch batzweich. Nur so darf sie Beilage von Gulasch, Paprikahenderl und Rahmgeschnetzeltem sein.

Das wird wohl auch so bleiben. Quer durch die Epochen.

florian.asamer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.07.2011)