Otto Habsburg beigesetzt: "Vergelt's Gott, hoher Herr!"

Otto Habsburg beigesetzt Vergelts
Otto Habsburg(c) APA/HELMUT FOHRINGER (HELMUT FOHRINGER)

Das republikanische Österreich verbeugte sich vor dem letzten Thronfolger der Doppelmonarchie. Für Europas Hocharistokratie ein sommerlicher Treff, für die Touristen in der Wiener City ein Fotospektakel.

"Vergelt's Gott, hoher Herr! Innig bleibt mit Habsburgs Throne Österreichs Geschick vereint.“

Joseph Haydns Kaiserhymne verklingt im Stephansdom. In der ersten Reihe steht der Bundespräsident der Republik Österreich. Dieses Schauspiel wird wohl so bald nicht wieder zu sehen sein. Nostalgie pur: der Sarg Otto Habsburgs, bedeckt mit einem schwarz-gelben Bahrtuch, geziert mit dem „mittleren Wappen“ der Donaumonarchie und zwei Meter davon entfernt der riesige Kranz des Bundespräsidenten und der Bundesregierung. Es war mehr als nur touristisches Spektakel der Extraklasse, es war das Ende einer Epoche. Der letzte Thronfolger Altösterreichs hat vom „neuen Österreich“ einen würdigen Abschied bekommen.

Schon um neun Uhr marschieren die ersten Traditionsverbände rund um den Dom auf, entrollen ihre Fahnen – und werfen sich in Positur. An diesem Hochsommertag ein willkommenes Fotomotiv für tausende begeisterte Touristen. So etwas sieht man auch nicht alle Tage: verwitterte Dragoner in „voller Wichs“, schneidige Husaren in farbenprächtiger Uniformierung, Tiroler Schützen, Kaiserjäger, Deutschmeister, Studentenverbindungen mit ihren Fahnen und Standarten. Im kühlen Schatten des Churhauses überdauerten sie viele Stunden des Wartens auf den großen Auftritt.

Weniger enthusiasmiert dagegen so mancher Einheimische. Vor allem, als schon um elf Uhr die U-Bahn-Station Stephansplatz gesperrt wird. „So a Tamtam weg'an Habsburg. A Staatsbegräbnis! Na, mit uns können die alles machen“, matschkert einer. Dürfte ein echter Wiener gewesen sein.



Schon eine Stunde vor Beginn des Requiems füllt sich der mit weißen Rosen geschmückte Dom. Das Protokoll hat Hochbetrieb, im Minutentakt fahren die Staatsoberhäupter und Mitglieder europäischen Herrscherhäuser vor, werden zu ihren Sitzplätzen geleitet, es läuft reibungslos. Rechts vom Sarg nimmt die große Familie ihre Plätze ein, links in der ersten Reihe der Bundespräsident, seine Frau Margit, daneben Carl Gustav von Schweden, Königin Silvia, das liechtensteinische Fürstenpaar, der Hochmeister des Souveränen Malteserordens. In Reihe zwei der Bundeskanzler.

Das Requiem im Dom

Michael Haydns Requiem in C-Moll hat begonnen. Und damit auch eine denkwürdige Verschränkung von Hier und Heute mit dem Vergangenen und versunken Geglaubten: Kardinal Christoph Schönborn begrüßt die Trauerfamilie, an ihrer Spitze „Erzherzog Karl“. Und der Apostolische Nuntius verliest die Botschaft Benedikts XVI. mit der Anrede „Seiner Kaiserlichen Hoheit, Erzherzog Karl von Österreich“. Die Repräsentanten des politischen Österreich tragen es mit Fassung.

Karl hat auch die Lesung übernommen, ihm folgt der 14-jährige Sohn Ferdinand Zvonimir mit seiner klaren Bubenstimme. Da steht schon der Nächste bereit. Ob er will oder nicht.

Kardinal Schönborn skizziert das bewegte Leben des als Erzherzog geborenen Otto Habsburg in prägnanten Bildern: Als der sechs Jahre alt war, ging die Monarchie zu Ende. Eine Welt war zusammengebrochen, Otto ging mit Entschiedenheit neue Wege. Musste sie gehen. „Den einen war er zu modern, den anderen viel zu reaktionär.“ Aber der einstige Thronfolger ohne Thron habe „vorgelebt, wie wir unverkrampft aus dem Gestern Lehren für das Morgen schöpfen können. Lernen hat noch nie geschadet.“ Schon 1971 habe Otto geschrieben: „Wenn wir vor den Schöpfer treten, gilt nur, dass wir unser Bestes gegeben haben.“

Schönborn zählt die Lobpreisungen aus der Heiligen Schrift auf und bezieht sich auf die Gabe der Demut: „Otto von Habsburg hatte keinerlei Standesdünkel. Wie gut täte uns diese Haltung, auch wenn wir nicht aus königlichem Hause stammen.“
Und dann: „Selig sind, die Frieden stiften.“ Hier kommt es zu einer bemerkenswerten politischen Anmerkung des Wiener Erzbischofs: In der langen „und vielfach wohl auch segensreichen“ Regierungszeit Franz Josephs habe es „den wohl schlimmsten Fehler gegeben – den Ersten Weltkrieg zuzulassen“. Alles, was folgte, die Massenmorde dieses 20. Jahrhunderts, seien auf diese Ursünde zurückzuführen.

Und daher, so Schönborn, habe es der Erbe der Dynastie als seine Verpflichtung gesehen, die Wunden dieses Irrtums zu heilen. Er habe mit ganzer Kraft dem Friedensprojekt Europa gedient, weil er es als seine Berufung verstanden habe.

Schönborn schließt mit einer persönlichen Reminiszenz. Beim mitteleuropäischen Katholikentag 2004 in Mariazell trotzten Otto und seine Frau Regina dem sintflutartigen Regen, dem Sturm und der Kälte. Ob er, der 92-Jährige, denn nicht fürchterlich gefroren habe, fragte Schönborn. Nein, antwortete Otto Habsburg mit freudestrahlenden Augen und einem Blick auf die vielen Gläubigen aus den einstigen Kronländern der Monarchie. „Dafür haben wir doch gelebt!“ „Vergelt's Gott, hoher Herr!“, ruft ihm der Kardinal zu. „Vergelt's Gott, du treuer Diener. Geh ein in die Freude des Herrn.“

Ein Kondukt bei Kaiserwetter

Überpünktlich formiert sich vor dem Riesentor der Kondukt, als der Sarg zu den Klängen der Pummerin aus dem Dom getragen wird. Voran die Garde des Bundesheeres mit ihrem Musikzug, dann die Schützen und Studentenverbindungen mit ihren Fahnen und Standarten. Dem Sarg voran trägt ein Offizier das Kissen mit der goldenen persönlichen Collane des Ordenssouveräns der Ritter vom Goldenen Vlies: Es ist Severin Meister, ein Enkel Ottos, Kapitänleutnant der deutschen Marine. Dahinter der Klerus, die engsten Familienangehörigen, die Monarchen und Staatsoberhäupter, die Mitglieder europäischer Adelshäuser.

Bei strahlendem Wetter haben sich entlang der Route tausende Schaulustige eingefunden. Sechs Tiroler Schützen begleiten den Sarg, insgesamt haben sie 600 Personen aus Süd- und Welschtirol auf die Beine gebracht.

Über Graben und Kohlmarkt führt der Trauerzug mit über tausend Personen zum Heldenplatz, wo vom Äußeren Burgtor 21 Salutschüsse die Erde erzittern lassen. Über den Ring geht es bis zur Albertina, dann in die Tegetthoffstraße zum Neuen Markt und damit zur Kapuzinerkirche.

Ulrich-Walter Lipp, ein Freund der Familie, tritt als Herold vor und bittet für den Verstorbenen um Einlass. Dreizehn der unzähligen Titel zählt er auf, die der Thronfolger einst getragen hat. „Wir kennen ihn nicht“, tönt es von drinnen. Lipp zählt daraufhin fünf republikanische Funktionen auf. „Wir kennen ihn nicht!“ Dann erst, als „Otto, ein sündiger Mensch“, all seiner irdischen Titel und Ehren entkleidet ist, öffnet Pater Gottfried die Pforte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17. Juli 2011)