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Hintergrund: Die "Blutnacht" von Vilnius 1991

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Hintergrund: Die "Blutnacht" von Vilnius 1991Symbolbild: Flagge von Litauen (c) APA (Helmut Fohringer)
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Moskauer Hardliner wollten den baltischen Loslösungsbestrebungen gewaltsam Einhalt gebieten. Der 13. Jänner 1991 stellt den Wendepunkt im Kampf um die Unabhängigkeit dar.

Zuerst schossen Soldaten über die Köpfe von Demonstranten. Dann peitschten die Kugeln über das Straßenpflaster vor der Menschenkette. Schließlich wurde auf Menschen gezielt. Vierzehn Zivilisten starben in der Nacht vom 13. Jänner 1991 in der litauischen Hauptstadt Vilnius, als sie friedlich den Fernsehturm im Unabhängigkeitskampf vor der sowjetischen KGB-Sondereinheit "Alpha" schützen wollten. Das Massaker ist als "Blutnacht von Vilnius" in die Geschichte eingegangen.

Der "Alpha"-Kommandant und Ex-KGB-Offizier Mikhail G. soll für das Massaker verantwortlich sein. Er wird wegen Kriegsverbrechen in Litauen gesucht - seine Ver- und anschließende Enthaftung in Österreich hat einen diplomatischen Eklat zwischen der Alpenrepublik und Litauen ausgelöst.

Historiker bewerten den 13. Jänner 1991 als Wendepunkt für die Unabhängigkeitsbestrebungen der baltischen Staaten. Im Anschluss daran erkannte Island als erster westlicher Staat die Unabhängigkeit der baltischen Republiken Estland, Lettland und Litauen an. Zwanzig Jahre später gehören die drei früheren Sowjetrepubliken dem westlichen Militärbündnis Nato und der Europäischen Union an.

Massendemos, freie Wahlen, Unabhängig

Im Jahr 1988 war in Vilnius die Sajudis-Bewegung mit Vytautas Landsbergis als Vordenker gegründet. "Offenheit, Demokratie und Souveränität", forderte das Bündnis für die damalige Sowjetrepublik Litauen. Im Herbst fanden erste Massendemonstrationen statt. In den beiden anderen baltischen Republiken begannen ähnliche Gruppen ihre Arbeit. Am 23. August 1989 protestieren zwei Millionen Balten in einer 650 Kilometer langen Menschenkette von Vilnius bis Tallinn zum fünfzigsten Jahrestag des Molotow-Ribbentrop-Abkommens, das ihre nach dem Ersten Weltkrieg unabhängig gewordenen Länder unter Moskauer Herrschaft zwang. Am 11. März 1990 erklärte der Oberste Rat Litauens nach freien Wahlen die Wiederherstellung der Unabhängigkeit.

Blockade und Panzer-Einsatz

Die sowjetische Führung mit Michail Gorbatschow an der Spitze reagierte mit einer Wirtschaftsblockade; 3,7 Millionen Litauer froren ohne Gas- und Ölzufuhr, Lebensmittel wurden reglementiert. Doch die Unabhängigkeit als Ziel gab niemand auf. Als der Golfkrieg im Jahr 1991 die gegen den irakischen Machthaber Saddam Hussein vorgehende westliche Welt beschäftigte, versuchten Moskauer Hardliner mit dem Gewalteinsatz in Vilnius den Widerstand zu brechen. Fallschirmspringer und Panzer rollten in Richtung Vilnius, um sich des Fernsehturms zu bemächtigen.

Fernsehbilder deutscher Korrespondenten erschütterten die Weltöffentlichkeit und erinnerten an die blutigen Ereignisse 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking. Die Waffengewalt gegen Zivilisten mobilisierte westliche Solidarität, einen Monat später erkannte Island als erster Staat die litauische Unabhängigkeit an. Andere Länder folgten bald. Im August erklärten Lettland und Estland ihre Unabhängigkeit, im Dezember 1991 hörte die Sowjetunion zu bestehen auf.

(Ag.)