Experte: Erste Fremdsprache Englisch nicht immer sinnvoll

Experte Erste Fremdsprache Englisch
(c) AP (Caleb Jones)

Kindern in Kindergarten oder Volksschule sollten Sprachen lernen, die es in ihrem Lebensumfeld gibt, sagt ein Germanist. Er plädiert für Nachbarsprachen oder Sprachen ansässiger Minderheiten.

Englisch ist in der Europäischen Union die am stärksten verbreitete europäische Sprache: Für 13 Prozent der EU-Bürger ist es Muttersprache, zusätzlich wird es von der Hälfte der EU-Bewohner erlernt, und das oft als erste Fremdsprache. Laut dem Informationsnetz zum Bildungswesen in Europa "Eurydice" bekommen in Österreich 97,4 Prozent bereits in der Volksschule Englischunterricht, im Schnitt der EU-27 sind es 59 Prozent. "Sinnvoll ist das aber keineswegs immer", kritisiert der Wiener Germanist Hans Jürgen Krumm im neu erschienenen Sammelband "Europasprachen".

Denn wenn Kindern in Kindergarten oder Volksschule Englisch beigebracht wird, lernen sie in den meisten Fällen eine Sprache, die sie außerhalb des Unterrichts nicht brauchen und daher auch nicht verwenden, so das Argument des mittlerweile emeritierten Professors für Deutsch als Fremdsprache. "Es wäre ein schlechter Start in das Lernen, wenn man gleich zu Anfang Unbrauchbares lernt."

Fremdsprache im Lebensumfeld

Aus sprachpädagogischer und sprachpolitischer Sicht sollte die erste Fremdsprache für Kinder immer eine sein, die es in ihrem Lebensumfeld gibt, etwa die Sprache eines Nachbarlandes oder die Sprache ortsansässiger Minderheiten. "Englisch wäre in vielen Fällen erst die zweite Fremdsprache, wenn Kinder ins Computer- und Pop-Musikalter kommen, die Sprache also lernen wollen."

Krumm warnt außerdem vor einer Tendenz, dass die Mehrsprachigkeit in der EU verschwindet, und zwar zu Gunsten des Englischen als einziger internationaler Wirtschafts-, Wissenschafts- und Kommunikationssprache. Für ihn hat die Zunahme des Englischen nicht primär mit Verständigung verschiedensprachiger Menschen zu tun, für ihn geht es dabei vielmehr um "die Durchsetzung politisch-wirtschaftlicher Dominanz". Mit weitreichenden Folgen, wie der Germanist meint, denn: "Einsprachigkeit bedeutet Abhängigkeit, bedeutet Dominanz der einen Gruppe und ihrer Sprache über die anderen."

Englisch erst kurz dominant

Der vom Romanisten Peter Cichon und dem Wirtschafts- und Sozialhistoriker Michael Mitterauer herausgegebene Band zeigt jedoch deutlich auf, dass Englisch in Europa erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit die dominante Rolle unter den Sprachen einnimmt. Allerdings sei lediglich das Lateinische im Mittelalter ebenso weit verbreitet gewesen wie Englisch heute, betont Cichon.

Das Spanische als Nachfolger von Latein konnte im 16. Jahrhundert nur noch bedingt die Doppelfunktion von weltlicher und kirchlicher Verkehrssprache erfüllen. Das Französische, von Mitte des 17. bis Ende des 19. Jahrhunderts paneuropäisch verbreitet, konzentrierte sich auf Diplomatie, höfische Kreise und Bildungsbürgertum. Das Italienische war als Europasprache überhaupt nur im Kulturbereich präsent, Deutsch wiederum hauptsächlich als Wissenschaftssprache und das vor allem im mittelosteuropäischen Raum.

(APA)