Europas größter Hersteller von Biosprit, der riesige Flächen in Brasilien und den USA bewirtschaftet, ist für die EU-Kommission nachhaltig. Es muss auch kein Tropenwald in Indonesien Palmölplantagen weichen.
Brüssel. Abengoa Bioenergy, eine Tochterfirma des börsenotierten spanischen Energiekonzerns Abengoa, gewinnt seinen Biosprit und Biodiesel in Brasilien, den USA und anderen Regionen der Welt nach Ansicht der Europäischen Kommission auf umweltfreundliche Weise. Darum erklärte die Brüsseler Behörde die gesamte Lieferkette dieses laut eigenen Angaben europäischen Marktführers für nachhaltig. Sprich: Nach Ansicht der Kommission wird für das Bioethanol von Abengoa, das in europäische Autotanks fließt, kein Quadratmeter brasilianischen Regenwalds abgeholzt, und für Abengoa-Biodiesel muss kein Tropenwald in Indonesien Palmölplantagen weichen.
„Wir legen Wert darauf, dass Biokraftstoffe nachhaltig hergestellt werden“, sagte EU-Energiekommissar Günther Oettinger am Dienstag in Brüssel. Abengoa Biofuels, das in den ersten drei Monaten dieses Jahres einen Umsatz von 425 Millionen Euro erzielte, habe „nachgewiesen, dass er in seiner Gruppe die verschiedenen Ziele erfüllt“, erklärte Oettinger. „Die Bewerbung war für uns überzeugend. Sie erfüllt unsere Ziele voll und ganz. Aber die Gütesiegel sind keine Freibriefe. Sie werden von uns begleitet und kontrolliert.“
Minister Berlakovich ist skeptisch
Oettinger musste zugleich zugeben, dass er noch keine belastbaren Aussagen über das wesentlichste Problem der Ackertreibstoffe machen kann: den indirekten Landverbrauch, also die Flächen an Regenwald und Mooren, die Kohlendioxid speichern und für Zuckerrohr- oder Palmölplantagen gerodet werden. Im Herbst werde die Kommission ihren lange erwarteten Bericht dazu vorlegen. Der könnte ergeben, dass die Kraftstoffe von Abengoa ebenso wie jene der anderen sechs von der Kommission anerkannten Öko-Zertifikate doch nicht nachhaltig sind.
„Diese Sache muss man sich mit Sicherheit anschauen. Es kann nicht sein, dass der Biosprit übers Hintertürl den Urwald rodet und hier als nachhaltig verkauft wird“, sagte Umwelt- und Agrarminister Nikolaus Berlakovich (ÖVP) am Rande des Agrarministerrates in Brüssel, als er auf den Persilschein für Abengoa-Produkte angesprochen wurde.
Die Zertifizierungsfrage ist von wesentlicher Bedeutung für den gesamten Biotreibstoffmarkt. Bis 2020 sollen zehn Prozent aller in der EU verbrauchten Kraftstoffe „bio“ sein. Sie müssen um 35 Prozent weniger Kohlendioxid, Methan oder Stickstoffdioxid verursachen, als das konventionelle Kraftstoffe tun, um staatliche Subventionen bekommen zu dürfen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.07.2011)