Amnesty International kritisiert die drohende Todesstrafe für einen österreichischen Mediziner in Dubai. Der betroffene Arzt wurde am Dienstag von seinem Dienst suspendiert.
Wien/Dubai. Der Generalsekretär von Amnesty International Österreich (AI), Heinz Patzelt, zeigt sich schockiert von der Mordanklage gegen einen österreichischen Arzt im Golfemirat Dubai. Dem Mann droht damit die Todesstrafe.
„Die Anklage Mord wirkt – nach derzeitiger Kenntnis der Sachlage – an den Haaren herbeigezogen“, sagt Patzelt. Jedes Androhen der Todesstrafe sei „eine schwere Menschenrechtsverletzung“. In einem westlichen Rechtssystem würde sich eine Ethikkommission mit dem Fall beschäftigen, aber kein Strafgericht.
Der Fall im Detail: Der österreichische Arzt Eugen A., der seit fünf Jahren in dem Golfstaat tätig ist, steht seit vergangenem Samstag in Dubai vor Gericht, weil er für den Tod eines Patienten verantwortlich sein soll. Der 50-Jährige soll 2009 durch Erhöhung der Morphiumdosis und Reduktion von Sauerstoff den Herzstillstand eines schwer verletzten Patienten auf der Intensivstation des Rashid-Hospitals verschuldet haben. Außerdem habe er das medizinische Personal angewiesen, den Mann nicht wiederzubeleben. Der betroffene Arzt streitet die Vorwürfe ab: Der Patient sei 36 Stunden nach seinem Dienstende verstorben; eine Anweisung, nicht zu reanimieren, habe er niemals gegeben. Eine Medizinerkommission der Emirate kam zunächst zu dem Schluss, dass A. von allen Vorwürfen freizusprechen sei. Dass nun dennoch ein Strafverfahren eingeleitet wurde, wertet ein befreundeter Arzt (Name der Redaktion bekannt) als Intrige. Die Vorwürfe seien „fabriziert“. Nicht die Familie des Opfers hätte den Fall ins Rollen gebracht, sondern Kollegen.
Pass abgenommen
A. ist seit gestern, Dienstag, vom Dienst suspendiert – er war zuletzt in einem Spital in Abu Dhabi tätig. Der Pass wurde ihm bereits vor einiger Zeit abgenommen. Trotz der für ihn nicht nachvollziehbaren Mordanklage wertet AI-Generalsekretär Patzelt das Rechtssystem der Vereinigten Arabischen Emirate als für die Region „vergleichsweise hoch entwickelt“. In einem Entscheid aus dem Jahr 2009 hob etwa der Oberste Gerichtshof der Emirate ein Todesurteil gegen einen Mann auf. Begründung: Der Beschuldigte habe während der Verhandlung keinen Zugang zu einem Rechtsbeistand gehabt. In den sieben Golfemiraten verhängen Gerichte immer wieder die Todesstrafe, exekutiert wird sie selten. Patzelt: „Das Justizsystem will noch nicht davon lassen, während der gesellschaftliche Konsens für die Todesstrafe abnimmt.“ Der nächste Verhandlungstag ist der 7.August.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.07.2011)