Biologie: Im Finstern schläft der Löwe nicht

(c) EPA (Barbara Walton)
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Die Menschen in Afrika sind besonders gefährdet, wenn der Vollmond vorbei ist. Dann sind die Raubtiere ausgehungert und die Abende pechschwarz. Auch das Wetter und das Sozialleben der Menschen spielen dabei mit.

Dass wir uns in der Dunkelheit fürchten, hat tiefe Wurzeln: Im Finstern waren bei unseren Ahnen in Afrika die großen Räuber unterwegs, vor allem die Löwen. Sie haben wohl dazu beigetragen, dass die Menschen das Feuer domestizierten und in der Nacht Zuflucht in festen Behausungen suchten. Aber am Abend mussten sie doch noch hinaus, vielleicht Wasser holen, dabei war und ist die Gefahr besonders groß. Und am größten ist sie, wenn gerade Vollmond war, vielleicht gilt er deshalb mancherorts als böses Omen.

Jagdzeit: 18 bis 21.45 Uhr

Das vermutet Löwenspezialist Craig Packer (University of Minnesota), der Daten aus Afrika ausgewertet hat: Seit 1978 werden in Tansania Bauchumfänge von Löwen gemessen, sie schwanken stark mit dem Mond: Wird der voll, werden die Mägen leer. Aber wenn der Vollmond zu Ende ist, wird es gefährlich, nicht nur für Zebras und Gnus, sondern auch für Menschen, das zeigt eine Statistik aus Tansania. Sie verzeichnet seit 1988 Attacken auf über tausend Menschen, über zwei Drittel waren tödlich (und die Opfer wurden gefressen). „In den zehn Nächten nach dem Vollmond sind die Angriffe zwei- bis viermal so häufig wie in den Nächten vor dem Vollmond“, berichtet Packer, und 60 Prozent der Attacken erfolgen zwischen 18 und 21.45 Uhr (PLoS ONE, 20. 7.).
Warum dann? Löwen jagen bevorzugt in der Dunkelheit, die dauert in Tansania zwölf Stunden und kommt rasch, es gibt kaum Dämmerung. Das einzige Licht der Nacht kommt vom Mond, und während er zunimmt, geht er immer früher auf und illuminiert die Abende. Nimmt er aber ab, kommt er am ersten Abend nach dem Vollmond erst eine Stunde nach Sonnenuntergang, zwei Tage danach noch später usw. Dann ist es ausgerechnet in der Zeit stockfinster, in der die Menschen noch außer Haus sind – und die Löwen von den hellen Nächten zuvor ausgehungert.
Dann erfolgen die Angriffe. Auch das Wetter spielt mit, in der wolkenverhangenen Regenzeit sind sie häufiger. Auch das Soziale spielt mit: Die Region ist bitterarm, viele Bauern schlafen auf ihren Feldern, um sie vor Wildschweinen zu bewachen. Hinter denen sind Löwen her.
Sie nehmen dann auch die Menschen. Aber meist sind sie nicht auf Menschen aus, sondern auf Vierbeiner, die die ganze Nacht hindurch ungeschützt sind. Aber auch die sind bzw. werden wachsam: Marion Valeix (Oxford) hat an Löwen in Simbabwe eine alte Streitfrage geklärt: Bleiben Raubtiere an dem Ort, wo sie Jagderfolg hatten, oder ziehen sie weiter? Sie ziehen weiter, in 87 Prozent der Fälle mindestens fünf Kilometer (nur wenn ganz Junge im Rudel sind, bleiben sie). Denn auf Jagd reagieren die potenziellen Beutetiere, sie weichen aus, halten besser Wacht. Deshalb ziehen die Löwen weiter, und zwar nicht irgendwohin, sondern von Wasserloch zu Wasserloch, dort schlagen sie die meiste Beute (American Naturalist, 178, S. 269). Das macht das Wasserholen auch für Menschen gefährlich, nicht nur nach Vollmond: Die Attacken in Tansania nahmen in den 90er-Jahren zu, als die Menschen mit ihren Siedlungen immer tiefer in die Habitate der Löwen eindrangen.
Seit drei Jahren nehmen die Attacken ab, immer mehr Löwen wurden zum Schutz der Menschen abgeschossen. „So viele Daten wie wir wird niemand mehr zusammentragen können“, bedauert Packer, „die großen Katzen verschwinden schnell, überall auf der Erde. Aber ihr evolutionärer Einfluss auf unsere Psyche“ – die Furcht vor der Nacht und dem Vollmond – „wird immer bleiben.“

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