Erstmals überholt Venezuela laut einer jüngsten Statistik des Erdölkartells Opec Saudiarabien als Land mit den weltgrößten Vorräten an Erdöl. Die Macht des Papiertigers Hugo Chávez bleibt allerdings begrenzt.
Caracas/Wien. Im Moment sind gute Nachrichten für Venezuelas Präsidenten Hugo Chávez spärlich gesät. Während der Linkspopulist selbst mit seiner Krebserkrankung ringt, liegt auch die Wirtschaft des Landes darnieder. Die Staatskassen sind leer. Ausländische Investoren haben Venezuela nach einer Verstaatlichungswelle in Scharen verlassen. Selbst der hohe Ölpreis hilft dem Land nur wenig.
Da kommt die jüngste Statistik des Erdölkartells Opec gerade recht: Erstmals sitzt der „Comandante“ aus Caracas demnach auf höheren geprüften Erdölreserven als die Scheichs aus Saudiarabien. Ende 2010 verfügte Venezuela demnach über 296,5 Mrd. Fass (159 Liter) geprüfter Reserven. Das sind 40 Prozent mehr als noch vor einem Jahr und mehr als jedes andere Opec-Mitglied vorzuweisen hatte. Der bisherige Spitzenreiter Saudiarabien stagnierte laut Statistik bei 264,5 Mrd. Fass.
„Neue“ Vorräte kaum zugänglich
In den Abnehmerländern im Westen könnten diese Zahlen leise Panik auslösen. Schließlich hatte Chávez gemeinsam mit Irans Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad in der Opec immer wieder gefordert, Öl auch als politische Waffe gegen den Westen einzusetzen. „Keinen Tropfen Erdöl“, wollte der lateinamerikanische Staatschef dem „imperialistischen Erzfeind USA“ liefern. Droht dem Westen nun eine unangenehme Machtverschiebung im Erdölkartell, das immerhin über ein Drittel der globalen Ölproduktion kontrolliert?
Wohl kaum. Bei näherer Betrachtung stellt sich das lateinamerikanische Ölwunder vorerst nämlich als Papiertiger heraus. Denn erstmals hat die Opec mehr jener Ölvorkommen in Venezuela gewertet, die nur unter hohen Kosten und technischem Aufwand zu fördern und zu verarbeiten sind. Um das Schweröl aus dem Ölsand zu holen, fehlten dem Land derzeit die Mittel, sind sich Analysten einig. Der britische Energieriese BP reihte Venezuela im jüngsten „World Energy Report“ auch weiterhin klar hinter Saudiarabien.
Der statistische Trick dürfte vorerst keine direkten Auswirkungen auf den Ölpreis oder auf die Macht im Erdölkartell haben. Saudiarabien ist immer noch das einzige Land, das seine Erdölproduktion von einem Tag auf den anderen signifikant erhöhen kann. In Zukunft, wenn leicht zugängliches Erdöl tatsächlich zur Neige geht oder der Ölpreis hoch genug ist, um aufwendigere Förderungen zu ermöglichen, dürfte Venezuela jedoch eine größere Rolle in der globalen Ölversorgung spielen.
Die Befürchtung, dass Venezuelas Präsident dem Westen aber schon bald den Ölhahn zudrehen wird, ist unbegründet. Denn trotz der harschen Worte gibt es im Ölgeschäft schon heute weniger Berührungsängste zwischen Venezuela und den USA, als man denken möchte. 2011 lieferte Venezuela bisher etwa 923.000 Fass Öl täglich an seinen „Erzfeind“. Nur Kanada, Saudiarabien und Mexiko sind wichtigere Energielieferanten für Washington.
Abhängig von Petrodollar der USA
Im Gegenzug ist die Wirtschaft des lateinamerikanischen Landes stark von den Petrodollars ihres größten Ölhandelspartners abhängig. Die Branche sorgt für über ein Drittel der Wirtschaftsleistung. Und das, obwohl die staatliche Ölfirma Petróelos de Venezuela (PDVSA) fast die Hälfte der Produktion weit unter Marktpreisen an die einheimische Bevölkerung weitergeben muss. Was übrig bleibt, sorgt für 92Prozent aller Devisen, die über den Export ins Land kommen.
Seit seiner Machtübernahme hat Chávez hunderte Unternehmen reverstaatlicht und so eine Flucht internationaler Investoren ausgelöst. Zeitgleich schraubte er die Investitionen der PDVSA stark zurück, sodass das Unternehmen heute angeblich fast ein Drittel weniger Öl fördert als 1998. Bleibt es dabei, wird der Staatsbetrieb die „neuen Reserven“ allein wohl nicht so bald erschließen können. Dass sich internationale Konzerne zieren, hier einzuspringen, ist ihnen nicht zu verdenken.
Auf einen Blick
Venezuela hält erstmals mehr geprüfte Ölreserven als Saudiarabien, sagt die Opec. In nur einem Jahr stiegen die Reserven des Landes um 40 Prozent. Zumindest auf dem Papier.
Eine Machtverschiebung im Erdölkartell ist vorerst aber unwahrscheinlich, denn Venezuelas neue Reserven sind erstens nicht wirklich neu und zweitens nur unter hohen Kosten zu fördern. Somit bleibt Saudiarabien das einzige Land innerhalb der Opec, das seine Förderkapazitäten von einem Tag auf den anderen signifikant erhöhen könnte.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.07.2011)