Vergessen können – das ist Glück

Kunstvoll verschachtelt: Sabine Grubers „Stillbach oder Die Sehnsucht“ ist ein Roman im Roman. Die Reise vom fiktiven Südtiroler Ort Stillbach nach Rom wird zur literarisierten Erinnerung an seine Geschichte – vor allem im Zweiten Weltkrieg. Preisverdächtig.

Clara fährt aus dem imaginären Ort Stillbach in Südtirol, wo sie aufgewachsen ist, nach Rom, um auf Wunsch von deren Mutter die Angelegenheit ihrer verstorbenen Freundin Ines zu ordnen. Clara sieht die Landschaft am Zug vorbeiziehen, hängt ihren ungeordneten Gedanken nach, die dem Leser nach und nach fragmentarische Auskünfte über Clara erteilen, und kehrt immer wieder zu Erinnerungen an Ines zurück.

Da wechselt die Perspektive. Ein Paul kommt ins Spiel, dessen Beziehung zu Ines unklar bleibt. Auch reale Namen tauchen auf. Was hat es mit Erich Priebke auf sich, dem Kriegsverbrecher und Stellvertreter von Herbert Kappler, der wie der jüngst verstorbene Milivoj Ašner oder wie John Demjanjuk dem Gefängnis durch angebliche Altersschwäche entgehen konnte? Und wer ist Francesco Manente, der Ines gekannt hat und Clara nach deren Tod treffen möchte?

Auf Seite 76 beginnt nun ein Manuskript, das Ines geschrieben und Clara, in Rom angekommen, gefunden hat, das aus 34 Abschnitten besteht und mehr als 200 Seiten, mehr als die Hälfte von Sabine Grubers Buch, füllt: ein Roman im Roman. Das ist gewagt. Sabine Gruber riskiert, dass man den Rahmen aus den Augen verliert. Aber wahrscheinlich will sie gerade das. Der eingeschobene Roman steht für sich und fällt nachträglich in ein neues Licht, wenn der Leser in den davor eröffneten Rahmen zurückkehrt.

In dem Binnenroman lösen einander – wie im Rahmen – die Perspektiven ab. Er wechselt zwischen Ich-Erzählung und Außenperspektive, aber auch zwischen den Zeiten. Und hier wird nun Stillbach zum Thema, ein Südtiroler Dorf und seine Geschichte, insbesondere während des Zweiten Weltkriegs. Vielleicht ist Roman auch die falsche Bezeichnung. Eher liest sich dieser Text wie eine literarisierte Erinnerung. Sabine Gruber versucht gar nicht erst, was ja denkbar wäre, einen ganz anderen Stil zu kreieren. Die Sprache ist der des Rahmens sehr ähnlich. Das Erzähltempo jedoch ist langsamer, für manchen Leser vielleicht zu langsam. Selbst über keineswegs harmlose Dinge wird mit einer gewissen Gelassenheit gesprochen, mit einer Ausführlichkeit, die eher Überlegenheit als Erregung signalisiert.

Sabine Gruber hat einen kunstvoll verschachtelten Roman erfunden, der in mehrere Aspekte der Geschichte des 20.Jahrhunderts und ihrer vertrackten politischen Implikationen mitten hineinführt. Weiter als bisher hat sich die aus Südtirol stammende und in Wien lebende Autorin über ihre persönlichen Erfahrungen hinausgewagt. Mit diesem welthaltigen, in seiner Fülle fast überbordenden Roman hat sie sich endgültig in die erste Riege der österreichischen Schriftstellerinnen eingereiht.

Sabine Gruber ist eine Erzählerin, und der Stoff geht ihr nicht aus. Aber zur Schriftstellerin adelt sie die Kunstfertigkeit, mit der sie das Material ordnet, mit der sie die Zusammensetzung eines Bildes aus vielen Einzelteilen im Kopf des Lesers lenkt. Wie sie Informationen andeutet und zurückhält, wie sie Spuren legt und bewusst in die Irre führt, was den Leser wiederum zwingt, seine eigene Wahrnehmung zu überprüfen – das ist virtuos gemacht.

Erst nach und nach knüpft sich das Netz, das die Figuren des Romans miteinander verbindet. Die Welt als Chaos ist schwer auszuhalten. Es gibt ein starkes Bedürfnis, Zusammenhänge, kausale und zeitliche Folgen zu erkennen und, wenn es sie nicht gibt, herzustellen. Das ist wohl die Grundlage für die verbreitete Sehnsucht nach religiösen oder esoterischen Erklärungen, bei denen die Vernunft versagt. Die Literatur kann diese Funktion auch erfüllen. Sie kann ein geschlossenes System, eine Totalität suggerieren, wo im alltäglichen Leben Korrelationen fehlen oder zu fehlen scheinen.

Darin besteht ein großer Teil des Reizes von Sabine Grubers Roman. Er bringt Ordnung in eine ungeordnete Welt. Das ist aber auch beunruhigend. Denn auf einmal werden Bezüge sichtbar, die man lieber nicht sähe. Geschichtlich gesprochen: Die Gegenwart hängt auf unterschiedlichste Weise mit einer Vergangenheit zusammen, die man am liebsten leugnen oder verdrängen würde. Vergessen können – das sei Glück, sagt Paul an einer Stelle. Es gilt, mit William Faulkner und Christa Wolf: „Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.“ Am Schluss werden alle Rätsel gelöst. Sabine Gruber lässt ihre Leser nicht hängen. Und je mehr man sich dem Ende nähert, desto deutlicher tritt Südtirol in den Vordergrund.

Sabine Gruber erwähnt gern Schriftsteller, deren Nennung bereits Assoziationen abruft, oder zitiert sie. Sie hat dezidierte Meinungen, die sie im Roman unterbringt, aber nicht in langen Exkursen, sondern in Nebensätzen, fast beiläufig und zudem durch die Figur gebrochen, die sie denkt oder ausspricht. Die Tendenz, den Roman zum Essay hin zu öffnen, teilt Sabine Gruber nicht. Was sie an Gedanken vermitteln will, bettet sie in die Handlung ein. Das Geschäft der Erzählerin.

Ein Kuriosum ist zu verzeichnen: Die Protagonisten sind in der Gegenwart keine jungen Menschen mehr. Aber sie wirken bei Sabine Gruber alterslos. Gelegentlich findet sich eine Bemerkung, die das Älterwerden thematisiert: „Sie war jetzt in einem Alter, in dem man sich nicht mehr so schnell verliebte, weil sich die Zukunftshoffnungen schon ein wenig verbraucht hatten und das Eigentliche, von dem sie einst gedacht hatte, dass es irgendwann kommen werde, nie eingetroffen war.“ Aber die Figuren scheinen in früheren Jahren schon genau so gewesen zu sein wie heute. Eigentlich erstaunlich in einem Roman, in dem der Ablauf der Zeit eine entscheidende Rolle spielt.

Nun ja, die Autorin, gerade 47 Jahre alt, hat das Recht, sich jung zu fühlen und diese Selbstwahrnehmung in ihre Figuren zu projizieren. Oder hat es doch auch mit dem Geschlecht zu tun? Den Romanen von alten Männern über alte Männer, die in Rezensionen gelegentlich ironisch kommentiert werden, als sei es ein Vergehen, alt zu werden – man muss nicht nur an Philip Roth denken–, entsprechen jedenfalls wenig Gegenstücke von Frauen. So spielen sie ihre Rolle in der Inszenierung des Jugendkults, dessen Opfer sie doch auch wieder selbst sind.

Mit ihrem vorausgegangenen Roman „Über Nacht“ wurde Sabine Gruber für den Deutschen Buchpreis nominiert. Den bekam dann Julia Franck. Vielleicht klappt's diesmal. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2011)