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Zahlreiche Tote: Blutiger Terrorangriff auf Norwegen

Oslo Bombenanschlag Terror
Verletzte nach dem Terroranschlag in Oslo(c) AP (Morten Holm)
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Eine Bombe zerstört den Regierungssitz im Herzen Oslos. Kurz danach erschießt ein Attentäter in einem Sommercamp der Sozialdemokraten Jugendliche. Der Mann, ein Norweger, ist in Haft.

[KOPENHAGEN/OSLO] Es war ein Angriff auf das Zentrum der Macht, der Norwegen an den Rand des Ausnahmezustands brachte. Mitten im Regierungsviertel der Hauptstadt Oslo detonierte am Freitag eine Bombe und riss mindestens sieben Menschen in den Tod. Kurz darauf überfiel ein Attentäter ein Sommercamp der Sozialdemokraten auf der Insel Utøya und erschoss mindestens zehn Jugendliche.

Die Sicherheitskräfte gaben Großalarm. Oslos Innenstadt wurde abgeriegelt, Soldaten marschierten in den Straßen auf, Ministerpräsident Jens Stoltenberg wurde vorübergehend an einen geheimen Ort gebracht. Die Polizei evakuierte den Hauptbahnhof und mehrere andere Gebäude. „Verlasst die Innenstadt, meidet Menschenansammlungen, bleibt zu Hause", lautete der dramatische Appell von Polizeichef Svein Sponheim. „Die Lage ist noch völlig unüberschaubar".

War der Anschlag, dessen primäres Ziel offensichtlich das Öl- und Energieministerium war, nur ein erstes Glied einer Kette? Mehrere Zeitungsredaktionen wurden evakuiert, das Lokalbüro des Fernsehsenders TV 2 geräumt, weil davor ein unidentifiziertes Paket gesichtet wurde. Niemand wusste, wie viele Sprengsätze noch gelegt worden waren. Niemand wusste zunächst, wer hinter den Attentaten steckte und wie groß der Angriff auf Norwegen geplant war.

„Der Täter ist Norweger"

Am Abend hatten die Behörden jedoch eine erste Spur. Denn der Mann, der das Jugendlager angegriffen hatte, konnte gefasst werden. Die Polizei gab bekannt, dass der Verhaftete auch für die Bombe in Oslo verantwortlich sei. Die Nachrichtenagentur NTB meldete am späten Freitagabend, dass die Behörden nicht von internationalem Terror ausgingen, sondern von lokalem Terror, der sich gegen das derzeitige politische System richte. Die Polizei kenne das Milieu, in dem sich der Festgenommene aufgehalten habe.

Am späten Abend gaben der norwegische Justizminister und Premier Stoltenberg bei einer Pressekonferenz die ersten Details bekannt: Der Täter sei ein Norweger, bestätigten sie. „Das war ein Angriff auf unsere Politik", sagte Stoltenberg. Indiz dafür sei die Bombe im Regierungsviertel und erst recht der Angriff auf das Jugendlager der Sozialdemokraten.

„Verlasst die Innenstadt!"

Um 15.26 Uhr hatte die Bombenexplosion die Idylle in der Hauptstadt zerrissen, Flammen schlugen aus dem Regierungsviertel, Menschen lagen blutend auf dem Straßenpflaster. Aus der Dachetage stiegen Flammen auf, schwarzer Rauch qualmte, im Umkreis von Hunderten Metern war keine Glasscheibe intakt. „Das Haus ist völlig zerstört", schilderte Reporter Per Ritzler. „Wenn man an der Vorderseite steht, kann man durch die Rückwand schauen."

Wer zuerst noch an eine Gasexplosion glauben wollte, wurde rasch eines Besseren belehrt. „Es war eine Bombe", bestätigte die Polizei. Vor dem Gebäude lag ein völlig ausgebranntes Auto, und ein großer Bombentrichter darunter sprach für die Theorie, dass im Wagen ein Sprengkörper detonierte. Doch die Polizei ging davon aus, dass sich der Auslöser der heftigen Explosion im Regierungsgebäude selbst befand. Die Kraft war so groß, dass sie das Auto atomisiert hätte, hätte die Bombe im Wagen gelegen. Während zahlreiche Verletzte in Oslos Krankenhäuser eingeliefert wurden, stieg die Zahl der Toten. Erst bestätigte die Polizei ein Opfer, dann zwei, nach der Durchsuchung der Ruinen waren es sieben.

Regelrechte Jagd auf Jugendliche

Als der Attentäter später zehn Kilometer von Oslo entfernt das Sommerlager der sozialdemokratischen Jugend auf der Insel Utøya angriff, war er mit einer Polizeiuniform verkleidet. Er müsse im Zusammenhang mit den Bomben von Oslo Ermittlungen anstellen, sagte der Mann. Laut einem Augenzeugen rief er ein paar Jugendliche zu sich, dann begann er zu schießen. „Er hat sie regelrecht hingerichtet." Die anderen flüchteten in Panik, verbargen sich in Gräben, versuchten schwimmend Festland zu erreichen. Noch lange waren Schüsse zu hören, ehe die Polizei den Attentäter überwältigte. Auch Utøya wurde evakuiert. Am Freitagvormittag hatte die frühere Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland dort gesprochen, für Samstag war Stoltenberg angekündigt.

Kommentatoren bezeichneten die Attentate als den „schwersten Angriff auf die Demokratie seit Ende des Zweiten Weltkriegs". Am Abend meldete sich eine bisher unbekannte Gruppe namens „Helpers of the Global Jihad" und bekannte sich rasch zum Terrorakt. Diese Behauptungen würden geprüft, sagten Stoltenberg und der Justizminister. Sie ersuchten, keine Spekulationen anzustellen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2011)