Litauer in Wien: Verständnis für beide Seiten

Litauer Wien Verstaendnis fuer
Litauer Wien Verstaendnis fuer(c) APA/HELMUT FOHRINGER (HELMUT FOHRINGER)
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Sie sind nur eine kleine Community und sie sind gut integriert: Die Litauer in Wien. Die Golowatow-Affäre beurteilen sie daher mit gemischten Gefühlen.

Viele sind es nicht. Genau genommen 384. So viele Litauer leben laut Statistik Austria mit Stichtag 1. Jänner 2011 in Wien. Und die, die hier sind, fallen auch nicht wirklich auf. Sie sind nach Österreich gekommen, um zu studieren, zu arbeiten oder der Liebe wegen. Eigene Geschäfte oder Restaurants gibt es in Wien aber nicht. Erst seit der Golowatow-Affäre wird auch hierzulande über den kleinen Staat im Norden Europas gesprochen. Die Litauer in Wien sehen das mit gemischten Gefühlen. Während in Litauen vor der österreichischen Botschaft gegen die rasche Freilassung des ehemaligen KGB-Offiziers Michail Golowatow protestiert wurde und der Politologe Vladimiras Laucias Österreich ein „beschissenes kleines Land“ nannte, merkt man in Wien kaum etwas von Protesten – zumindest nicht von Seiten der hier lebenden Litauer.


Emigration mit Leidenschaft. „Ich denke, das wird sich wieder legen und nichts wird sich ändern, außer dass Litauen jetzt bekannter ist“, sagt Skaidrilė Grigaitė, während sie mit ihrer Freundin Dalia Kasmočiútė im Café Museum sitzt. Die beiden jungen Frauen haben bereits in der Schule Deutsch gelernt und kennen Wien von früheren Aufenthalten als Erasmusstudentinnen. Grigaitė ist seit Herbst wieder hier um ihren Master in Politikwissenschaften zu machen und bei der OECE zu arbeiten. Kasmočiútė absolviert hingegen im Restaurant Herrenhof in der Wiener Innenstadt eine Ausbildung zur Köchin.

Damit sind die beiden jungen Frauen zwar untypisch für jene Litauer, die ihr Land verlassen – die meisten landen mit niedriger Bildung in England und Irland – aber typisch für jene, die Österreich als Zielland ausgewählt haben. Litauer emigrieren mit Leidenschaft, sagt Grigaitė, kommen aber genauso gerne wieder zurück. Sie selbst hat ebenso vor, „so lange wie möglich zu bleiben, aber nicht länger als fünf Jahre.“ Ihre Freundin will hingegen die Welt bereisen, um dann dort, wo es ihr gefällt, ein Restaurant zu eröffnen.

Ein schlechtes Wort über Österreich kann man den beiden nicht entlocken. Sie mögen das Land – und ihre positive Meinung werde sich wegen „dieser Sache“ nicht ändern. Sie sprechen vorsichtig darüber. Dennoch lässt sich nicht verbergen, dass „diese Sache“ auch sie bewegt.

„Ich sehe das eher als eine Frage der Werte und nicht als eine, wer recht hat. Das ist sehr komplex. Ich denke mir, was wäre gewesen, wenn Österreich ihn verhaftet hätte. Er sollte vor ein internationales Gericht, wie Den Haag. Aber ich weiß nicht, wie das gehen soll und ich weiß auch nicht, ob unsere Regierung das weiß“, sagt die 22-jährige Politikstudentin.

Ihre Freundin betont, dass ihr für eine Beurteilung das politische Know-how fehle, meint aber dazu: „Ich dachte Österreich ist größer, stärker und kann uns hier unterstützen.“ Was beide stutzig macht, ist, dass Österreichs Behörden so schnell reagiert haben. „Sonst ist die Bürokratie hier sehr langsam“, sagt Grigaitė, die im Laufe des Gesprächs dann doch sagt: „Das war kein Fehler, das war Absicht.“


Teil der (Familien–)Geschichte. 1991 waren die beiden drei und sechs Jahre alt. „Wir waren noch zu klein. Ich weiß aber, dass meine Eltern dort waren. Es wurde zuhause viel darüber gesprochen, das ist Teil unseres Landes“, sagt Kasmočiútė. In beiden Fällen haben am 13. Jänner die Großeltern auf die Kinder aufgepasst, während sich die Eltern auf nach Vilnius gemacht haben, um bei den Demonstrationen für die Unabhängigkeit, bei deren militärischer Niederschlagung 14 Menschen ums Leben kamen, dabei zu sein.

Die beiden jungen Frauen haben Verständnis dafür, dass die Golowatow-Affäre die Menschen in Litauen auf die Straße treibt. „Die Litauer sind sehr geduldig und demonstrieren selten. Wenn sie das tun, ist es wirklich eine große Sache“, sagt Grigaitė. Das sieht auch Rūta Fischer so. Die Litauerin hat 1976 einen Österreicher geheiratet und lebt seitdem in Wien. 1997 hat sie die österreichisch-litauische Gesellschaft gegründet. „Es geht uns vor allem darum, die Beziehung und den Austausch zwischen den zwei Ländern zu stärken“, sagt sie. Wenig verwunderlich ist auch sie vorsichtig bei der Wortwahl rund um die aktuelle Affäre. „Positiv ist, dass Österreich ihn überhaupt festgehalten hat. Das Negative ist: Wenn sie ihn schon so schnell freilassen, könnten sie Litauen wenigstens sofort informieren und nicht erst am nächsten Tag.“ Ihr ist es wichtig, dass jetzt geklärt wird, wer wo Fehler gemacht hat. „Ich wäre nicht überrascht, wenn herauskommt, dass Moskau telefoniert hat. Da wären die wenigsten Leute überrascht.“


„Unschön gelaufen“. Für Fischer ist die Sache „unschön gelaufen. Die Beamten waren unsensibel, was das betrifft. Und das kann vorkommen, aus welchen Gründen auch immer.“ Zumindest ein wenig verärgert ist Fischer aber doch. Und zwar darüber, dass Österreich sofort jede Schuld von sich gewiesen hat. „Und es ist natürlich auch ein bisschen eine Abwertung. Wäre das Frankreich gewesen und nicht Litauen, wäre das nicht so schnell passiert“, glaubt sie. Das Gefühl der Abwertung teilt auch die Litauerin Lina Pestal, die seit 1992 in Wien lebt und Litauisch an der Universität Wien unterrichtet. Mit der Freilassung werde Litauen vermittelt: „Ihr seid unwichtig.“ Aber auch sie wünscht sich weniger eine Entschuldigung als Aufklärung. Und dass „diese Sache“ die ohnehin nicht sehr starke Beziehung der beiden Länder nicht beschädigt.

Die Community

Die österreichisch-litauische Gesellschaft hat es sich zum Ziel gemacht, die Beziehung zwischen den beiden Ländern auf den Gebieten Wissenschaft, Kultur und Tourismus zu verbessern. Sie organisiert Veranstaltungen und Diskussionen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.07.2011)

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