Für immer Vespa: Die Wallfahrer zu Sankt Österlein

Fuer immer Vespa Wallfahrer
Fuer immer Vespa Wallfahrer(c) AP (TONY GUTIERREZ)
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Warum erwachsene Menschen nicht vom Moped ihrer Jugend loskommen – und vom Händler, der damals schon gern grantig war.

Im 15.Bezirk in Wien, mündend in die Äußere Mariahilfer Straße, verläuft die Österleingasse, und dort liegt meistens ein Mensch auf dem Boden. Jedenfalls zu den Geschäftszeiten der Firma Kudlicka & Radakovics: Vor dem Laden hocken und schrauben sie auf dem Kopfsteinpflaster und machen sich in den Eingeweiden von Motorrollern die Finger ölig. Das war so vor 30Jahren, und das ist zuverlässig auch heute noch so.

Der „Kudlitschka“ ist Wiens erste Adresse für Vespa-Teile, jedenfalls, wenn es um ältere Baujahre geht. Das Portal auf Hausnummer vier ist schmucklos, unscheinbar. In der Auslage verstauben Motorteile und Aufkleber. Drinnen ist die Zeit stehen geblieben, den gelben Blumenmustervorhang zum Hinterraum würde man auf späte Siebziger schätzen.

Zahnarzt mit Prüfungsangst. Im guten Sinn gilt das auch für das Lager, das die Adresse einzigartig macht: Zahnrädchen, Federn und Dichtungen von Vespas bis aus den Fünfzigerjahren lassen sich dort hervorkramen. Das heißt, wenn der Chef Lust dazu hat.

Fünfundvierzigjährige, die vielleicht Zahnärzte sind oder Architekten, überfällt zuweilen immer noch Prüfungsangst, wenn sie drankommen und an der Theke ihre Wünsche kundtun. Wie früher, als man sich als Sechzehnjähriger um ein Bremsseil und ein paar Schrauben anstellte oder um größere Teile, wenn es die Taschengeldsituation zuließ. Beim Kudlicka hat man nicht nur repariert, sondern auch den „Bock“ frisiert, bis ihn die Polizei aus dem Verkehr gezogen hat.

Albert Kudlicka, „der Alte“, konnte unerbittlich sein. An schlechten Tagen musste man sich wieder hinten anstellen, wenn die Bestellung gar dilettantisch vorgetragen wurde. Seine Blicke tauchten in Abgründe von Ahnungslosigkeit. Und wehe, man schickte den Alten zweimal ins Lager! Die Preise waren völlig undurchsichtig. Und nur standhafte Naturen wagten Widerspruch. Es gab Schreiduelle. Am schlimmsten war es, der Nächste in der Reihe zu sein, wenn der Alte, kochend, gerade einen Renitenten aus dem Laden geworfen hatte.


Wichtiger als die Freundin. Und trotzdem sind sie alle wiedergekommen. Sie kommen bis heute, weil sie nicht von ihren Rollern lassen können, auf die sie damals als Schulkinder gespart hatten, und die weitaus wichtiger waren als die erste Freundin.

Heute ist bekannt, dass Herr Kudlicka, ein kroatisch-italienisches Mischwesen und weit über 70, einmal schwer krank gewesen ist, was manche Launen im Rückblick erklären mag. Wer ihn über die Jahre kennt, weiß aber auch, dass er ein barmherziger Samariter sein kann. Wenn unkundige Hände etwa ein Bauteil vermurkst haben, trottet der alte Mann nicht selten auf die Gasse, um den Schlamassel zu beheben, und verbittet sich dafür jede Bezahlung. Es kommt vor, dass der Alte Kunden erkennt, die 15Jahre nicht im Geschäft waren.


Von Lire in Schilling in Euro.
Auch vor der Firma Kudlicka & Radakovics hat die Modernisierung nicht haltgemacht. Es gibt neuerdings eine Website, auch wenn Mails nie beantwortet werden. Den Preis alter Bauteile rechnet der Chef aber immer noch von Lire in Schilling um und dann in Euro.

Der Alte ist mittlerweile eine seltene Sichtung. Den Laden schmeißt Schwiegersohn Sergio, der seiner Klientel gegenüber etwas mehr Milde walten lässt. Es gibt schließlich auch schon einige andere Adressen im Land und vor allem Direktvertriebe übers Internet, die helfen, die alten Roller am Laufen zu halten.

Die Vespa, das ist an sich schon eine Geschichte der Improvisation. Sie ist auf die Welt gekommen, weil Piaggio nach dem Krieg keine Jagdflugzeuge mehr bauen durfte. Ihr Konstrukteur verstand etwas von Hubschraubern, aber nichts von Motorrollern. Völlig unbelastet und streng praktisch gedacht, schuf er eine Ikone der kleinen Mobilität.


Parade vor der Schule. Wer eine alte Vespa fährt, empfindet das „Zangeln“ und Schrauben am Straßenrand, vorzugsweise bei starkem Regen, weil dann die Elektrik gern streikt, nicht als Zumutung. Dafür gäbe es ja neue Vespas, die praktisch alles besser können. Außer diesem Gefühl, das ein Motor mit gut eingestelltem Vergaser erzeugt, und der Erinnerung, als man vor der Schule paradierte – vorzugsweise vor jener, die man nicht gerade schwänzte.

Vielleicht ist es eine Art Midlife-Crisis, die 40-Jährige auf die Sättel der Bubenroller treibt. Es wirkt auf jeden Fall weniger verzweifelt als der teure Sportwagen oder die halb so alte Freundin. Alte Vespas haben zudem den Charme, dass sich ihr Baujahr oft mit dem des Fahrers deckt: Nicht mehr jung, aber noch ganz proper in Schuss.

Schließlich hat sich aber doch etwas geändert: Hat man früher für einen Einkauf beim Kudlicka wochenlang gespart, quittiert man die Rechnung heute locker aus der Hosentasche.

Nur wenn man den Auskenner markiert, dann lassen einen Sergio oder der Alte unverändert auflaufen. Lektionen in Demut stehen einem in der Österleingasse jederzeit offen.

frische teile

Es ist nicht zu übersehen, dass derzeit alles aus Garagen und Kellern geborgen wird, was einmal ein Roller war – und wieder werden soll.

Gefragte Exemplare sind Vespa-Roller aus den 1960er- und 1970er-Jahren. Einige Händler sind auf Ersatz- und Tuning-Teile spezialisiert. Der älteste und bekannteste ist die Firma Kudlicka & Radakovics in 1150 Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.07.2011)

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