Amerikas Journalisten bemühen den Vergleich mit Leonard Bernstein und seiner konsequenten Arbeit für eine Renaissance der Musik Mahlers.
Atemberaubend“, schrieb der „New Yorker“. Nach dem Schlussakkord einer Bruckner-Symphonie hatte sich das Publikum in der Avery Fisher Hall von den Sitzen erhoben. Es jubelte. Kunststück, kommentiert man hierzulande. Wie viele solche spontanen Freudenkundgebungen haben wir etwa im Goldenen Musikvereinssaal schon erlebt?
Aber in New York gilt Anton Bruckners Musik nach wie vor als schwer verdaulich. Vergleichbar ist sein Status etwa mit jenem von Jean Sibelius in unseren Breiten. „Valse triste“ und „Finlandia“ haben zwar Einzug in die Wunschkonzerte gehalten, und das Violinkonzert ist öfter im Konzert zu hören, weil große Geiger es gern spielen.
Von den Symphonien findet sich in unseren Abonnementprogrammen jedoch kaum eine Spur. In England und Amerika hat man die Bedeutung des großen Finnen stets zu würdigen verstanden. Bruckner hingegen hatte dort keinen Stellenwert.
Es nimmt nicht wunder, dass nun das „Time Magazine“ sogar den Vergleich mit Leonard Bernstein und seiner Initiative zur Durchsetzung der Musik Gustav Mahlers bemüht hat, als Franz Welser-Möst mit seinem Cleveland Orchestra vier Bruckner-Symphonien hintereinander präsentiert hat. Es war der intensivste Bruckner-Schwerpunkt, den New Yorker Musikfreunde je erleben durften.
Unter den Chefdirigenten der großen amerikanischen Orchester fanden sich „nie leidenschaftliche Brucknerianer“, wie das Magazin in seiner Analyse anmerkt. Staunen erregt daher bei allen Kommentatoren die enthusiastische Reaktion des Auditoriums auf alle vier Konzerte. Schon nach der Fünften gab es Standing Ovations, die Begeisterung setzte sich nach den Symphonien 7, 8 und 9 fort. Nicht nur gemessen an der Reaktion der Hörer, sondern auch an der Aufmerksamkeit, die die Presse den Konzerten angedeihen ließ, war die Bedeutung dieser Cleveland-„Residenz“ abzulesen.
Die „New York Times“ entsandte drei verschiedene Kritiker in die Konzerte, die unisono von den technisch makellos absolvierten, emotionell anrührenden Wiedergaben schwärmten. Die Überraschung über die suggestiven Kräfte, die Bruckners Musik entfesseln kann, ist den Rezensionen von Anthony Tomasini und Co. nicht nur zwischen den Zeilen zu entnehmen.
Ob sich daraus ein Bruckner-Boom entwickeln wird, der Bernsteins Mahler-Renaissance gleichkommen kann? Dann wäre die Aktion des österreichischen Chefs eines der wichtigsten US-Orchester eine Großtat gewesen.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2011)