Die Reinigung des Körpers entlastet nicht nur von moralischer Schuld, sie beeinflusst auch ökonomisches Handeln. Für gewöhnlich funktioniert es, viele Religionen haben Waschungen in ihre Rituale eingebaut
Dass man sich von Schuld reinwaschen könne, hoffte schon Pontius Pilatus. Ob es ihm glückte, ist nicht überliefert, immerhin regte sein Stoßseufzer den deutschen Künstler Othmar Hörl 1997 zum Gestalten einer Seife an, in die als Name „Unschuld“ eingeprägt war. Vermutlich hätte nicht einmal sie Lady Macbeth geholfen, als sie den „damned spot“ – das Blut des ermordeten Königs Duncan – von ihren Händen bringen wollte. Aber für gewöhnlich funktioniert es, viele Religionen haben Waschungen in ihre Rituale eingebaut, Moslems reinigen sich vor Betreten der Moschee selbst die Füße, der Papst tut es periodisch bei anderen, selbst Säuglinge müssen durch die Taufe.
Das sind natürlich magische Praktiken, über die moderne Menschen nur den Kopf schütteln können, vor allem dann, wenn sie im Geschäftsleben stehen. Aber auch sie freuen sich, wenn sie auf dem Weg ins Büro einem Rauchfangkehrer begegnen, der bringt Glück, manche wollen es bzw. ihn, den Schwarzen Mann, gar berühren, das Glück – in diesem Fall verkörpert durch Schmutz – auf ihren Körper ziehen. Und wenn man es hatte, hält man es gerne fest: Viele Sportler streifen lieber das verschwitzte Trikot vom letzten Sieg über als ein frisch gewaschenes, britische Fischer wechseln nach guten Fängen die Wäsche nicht, in China halten bzw. hielten es alle an besonderen Tagen so, etwa am Beginn des Mondjahrs.
Auch Reinigen ohne Absicht wirkt
Glück haftet, an anderen (oder Objekten) und an einem selbst, Pech haftet auch, man will es loswerden, zwanghaft, das hat vermutlich tiefe Gründe im Ekel, mit dem wir uns von verdorbenen Speisen und ausrinnenden Körperflüssigkeiten abwenden, dann können sie uns nichts tun. So ist es auch mit den abgewaschenen Sünden oder mit dem Festhalten am Glück bringenden Schmutz von gestern. Und so ist es nicht nur dann, wenn wir uns mit Absicht reinigen (oder nicht), es wirkt subliminal und auch bei ökonomischen Entscheidungen: Die Psychologin Alison Jing Xu (University of Toronto) bat Wirtschaftsstudenten ins Labor, die eine Hälfte sollte sich an einen ökonomischen Glücksmoment erinnern – Geld in der Lotterie gewonnen etc. –, die andere Hälfte Pech ins Gedächtnis rufen. Dann kam ein ganz anderer Test, der (für die Testpersonen) überhaupt nichts mit dem Ganzen zu tun hatte: Sie sollten als Konsumententester die Qualität eines antiseptischen Erfrischungstuchs beurteilen, manche sollten sich damit die Hände reinigen, andere sollten es nur betrachten.
Schließlich galt es, eine fiktive unternehmerische Entscheidung zu treffen, bei der ein gut verkauftes Produkt entweder gleich bleiben oder verändert werden sollte. Im ersten Fall würde auch der Gewinn gleich bleiben, im zweiten winkte eine starke Erhöhung, aber es konnte auch schiefgehen: Auf Risiko setzten 73Prozent derer, die sich ganz zu Beginn an einen Glücksmoment erinnert und dann die Hände nicht mit dem Tuch gereinigt hatten – fast ebenso mutig auf ihr Glück vertrauten die, die sich an Pech erinnert und die Hände geputzt hatten (73%). Zur Vorsicht tendierten hingegen die, denen das Pech unabgewischt an den Fingern klebte – und die, die ihr Glück weggewischt hatten (Journal of Experimental Psychology, 21.7.).
Es ist kein kultureller Effekt, in einem ähnlichen Test mit Studenten in Hongkong kam Xu zum gleichen Befund: „Die psychologische Macht der physischen Reinigung ist nicht auf Spuren der Vergangenheit beschränkt, die die Menschen entfernen wollen“, schließt die Forscherin, „und die Menschen bemerken den Einfluss nicht und bestehen im Gespräch darauf, dass sie nie einem solchen Einfluss unterliegen würden.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2011)