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Hungersnot: Gestrandet auf der Flucht vor der Dürre

SOMALIA FAMINE DROUGHT
(c) EPA (Siegfried Modola/wfp/handout)
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Elf Millionen Menschen sind bei der humanitäre Krise in Ostafrika von Hunger bedroht. Die UNO forderte am Montag in Rom rasches Handeln. Derzeit werden hier täglich 1300 Neuzugänge registriert.

Er hatte lange auf den Regen gewartet. Zu lange. Abdi Kosar Yussuf sah zu, wie sein Vieh immer magerer wurde. In der Hoffnung auf Regen hat der Somalier es weder geschlachtet noch verkauft. Seine 80 Ziegen und 45 Kühe sind schließlich verendet. „Ich habe zu lange gehofft“, sagt er in der Mittagshitze im Flüchtlingslager Dadaab in Kenia, wohin er mit seinen drei Kindern geflohen ist.

Menschen drängen sich dort auf den überdachten Warteplätzen. Derzeit werden hier täglich 1300 Neuzugänge registriert. Das sind doppelt so viele wie vor eineinhalb Monaten. „Die meisten kommen jetzt wegen Dürre und Hunger und nicht mehr wegen des Kriegs“, sagt Emmanuel Nyabera, der Sprecher des Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen (UNHCR) in Kenia zur „Presse“. „Die Situation ist zum Verzweifeln.“

Vor 20 Jahren – als mit dem Sturz der Regierung Siad Barres Somalia in einen blutigen Bürgerkrieg verfiel und die Region gleichzeitig eine Dürre durchmachte – wurde das Flüchtlingslager in Dadaab im Nordosten Kenias errichtet. Die drei Camps waren für 90.000 Menschen gedacht, heute leben dort mehr als 400.000, fast ein Drittel davon ist erst seit Jahresbeginn gekommen. Viele hausen außerhalb des Lagers – in Hütten aus Ästen, Stofffetzen und Plastiksäcken.

 

Zu hohe Lebensmittelpreise

Sechs Tage lang ist Yussuf mit seinen drei Kindern von Qukani aus nach Dadaab marschiert, in Gummisandalen unter der sengenden Sonne. Mittlerweile häufen sich Berichte von Eltern, die ihre Kinder tot auf dem Weg zurücklassen mussten. Laut Schätzung des UN-Kinderhilfswerks Unicef stirbt alle sechs Minuten ein Kind.

Bei der Aufnahme in Dadaab werden die Kleinkinder in die Plastikschale einer Hängewaage gelegt. An den winzigen Armen und Beinen faltet sich die Haut über die Knochen. Die Augen liegen tief in den Höhlen. Bilder, wie sie sich bei früheren Hungerkatastrophen in Afrika in das kollektive Gedächtnis der westlichen Welt gebrannt haben und die für viele die erste Assoziation mit dem Kontinent sind. So oft westliche Vorstellungen dem afrikanischen Alltag nicht gerecht werden, hier sind sie beklemmende Realität.

 

UNO fordert „rasches Handeln“

In einer Krisensitzung beratschlagten gestern, Montag, Experten der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) in Rom, wie der Krise beizukommen sei. Mindestens 696Millionen Euro sind laut FAO nötig, um das Schlimmste abzufedern. Die Weltbank hat laut Medienberichten bereits 348 Millionen Euro beigesteuert. Die FAO drängt auf rasches Handeln: Es bestehe immer noch ein Zeitfenster, um den Hungernden zu helfen. In der Vorwoche hat die UNO die Situation in den Regionen Bakool und Lower Shabele im Süden Somalias offiziell als Hungersnot bezeichnet. Christian Manahl, UN-Sonderbeauftragter für Somalia, hält es für „sehr wahrscheinlich“, dass bald weitere Gebiete Somalias folgen könnten.

Schätzungen zufolge ist die Zahl hilfsbedürftiger Somalier binnen weniger Wochen von 2,8 auf 3,7 Millionen gestiegen, somit ist die Hälfte der somalischen Bevölkerung betroffen. Weitere sieben Millionen kämpfen in Äthiopien, Kenia, Dschibuti und Uganda gegen den Hungertod, Zehntausende haben den Kampf bereits verloren.

Schon Ende 2010 haben Klimaexperten vor einer drohenden Dürre gewarnt. Ernteausfälle zu Jahresbeginn und steigende Treibstoffpreise trieben die Lebensmittelpreise in schwindelerregende Höhen. Binnen eines halben Jahres kostete in einzelnen Regionen Somalias Sorghum, eine regional wichtige Getreideart, dreieinhalbmal so viel wie zuvor.

Die Sorghumfelder von Fadumo Said Ali sind verdorrt. Die rissige Erde hat das wenige Wasser verschluckt und nichts zurückgegeben, erzählt die 45-Jährige aus Bardheere im Süden Somalias. Vier ihrer zehn Kinder sind dort gestorben, mit drei weiteren und einem Enkel wartet sie nun in Dadaab auf ihre Lebensmittelkarte.

Die Dürre, die zweite in zwei Jahren, trifft Subsistenzbauern wie Said Ali und Yussuf wie eine Faust in den Magen. Es gibt keine Strukturen, die diesen Schlag abfedern könnten. Weite Teile Somalias werden von der al-Shabaab-Miliz kontrolliert, Gewalt und Unsicherheit bestimmen den Alltag. „Unter besseren politischen Bedingungen hätte man Maßnahmen treffen können, um dieser Katastrophe vorbeugen zu können“, so Manahl. Abzuwenden hätte man sie aber nicht vermocht, meint er.

Die islamistische al-Shabaab, die weite Teile Somalias kontrolliert, sperrt sich aus ideologischen Gründen gegen internationale Hilfe. Die UNO verhandelt zwar mit Milizführern über mögliche Hilfe in den Krisengebieten. Diese bezeichnen die UN-Berichte über die Hungersnot aber als „pure Propaganda“. UN-Sprecher Manahl meinte zur „Presse“: „Al-Shabaab banalisiert die Situation. Die Lage ist so dramatisch, dass die Situation eskalieren wird.“

 

Für immer im Flüchtlingscamp

UNHCR-Sprecher Nyabera betont, wie wichtig Hilfe in Somalia wäre: „Nur so könne die Zahl der Neuzugänge in den Lagern niedriger werden.“ Sind die Flüchtlinge erst einmal in den Camps, bleiben sie. Es gibt meist nichts, zu dem die Menschen zurückkehren könnten.

Auch Yussuf hat außer seinem toten Vieh wenig zurückgelassen. Trotzdem will er nach Somalia zurück, sobald es die Sicherheitslage erlaubt. Darauf hofft er weiterhin – so wie einst auf den Regen.

Spenden

Ärzte ohne Grenzen: Konto-Nr. 930.40.950, BLZ 60.000, Kennwort: "Notfall-Fonds Ostafrika"

Diakonie: Konto-Nr. 231.33.00, BLZ 60.000, Kennwort "Dürre in Afrika"; Diakonie online spenden

Caritas: Konto-Nr. 7.700.004, BLZ 60.000, Kennwort "Hungerhilfe"; Caritas online spenden

CARE: 1.236.000, BLZ 60.000; CARE online spenden

Unicef: PSK 15 16 500, BLZ 60.000, Stichwort: "Kinder Horn von Afrika"; Unicef online spenden

Kindernothilfe: 92.144.077, BLZ 60.000, Kennwort "Dürre Afrika"; KNH online spenden

World Vision 90.890.000, BLZ 60.000, Kennwort: ''Hunger Afrika''; online spenden: www.worldvision.at

SOS-Kinderdorf 1.566.000, BLZ 60.000, Kennwort "Ostafrika"; online spenden: www.sos-kinderdorf.at

Entwicklungshilfeklub: Spendenkonto: 310 054 05150, BLZ 20111 Erste Bank, Kennwort: "Hunger"

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2011)