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Der falsche Michail G.: Was geschah wirklich am 13.1.1991 in Vilnius?

Jenseits der Affäre Golowatow: Die wirklich interessante Frage ist die nach der Verantwortung von Michail Gorbatschow.

Gastkommentar

Wer ist dieser MichailG.? Was hat er angestellt und warum ist er von den österreichischen Behörden gleich wieder nach Russland zurückgeschickt worden? Das sind Fragen, die Behörden, Politik und Medien zwischen Wien, Vilnius und Moskau in den vergangenen zehn Tagen beschäftigten, aber eines übersehen: Golowatow ist ein Apparatschik aus der zweiten bis dritten Reihe – obwohl das eine Beteiligung an Verbrechen nicht ausschließt. Er ist und war niemand, der eigenständig große Entscheidungen treffen konnte.

Für einen anderen Michail G. lässt sich das nicht behaupten: Michail Gorbatschow hat den Kalten Krieg beendet und wurde von einem dankbaren Westen im Oktober 1990 auch mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Drei Monate später, im Jänner 1991, floss in den Straßen von Vilnius Blut. Im März 1990 hatte das demokratisch gewählte Parlament, der Oberste Sowjet Litauens, die Unabhängigkeit des Landes ausgerufen. moskautreue Kommunisten vor Ort wollten dies nun mit Gewalt verhindern. Unterstützung dafür kam von der Sowjetarmee und von KGB-Einheiten, darunter Golowatows „Alfa“-Gruppe. Aber auch von Michail Gorbatschow.

 

Gorbatschows Drohtelegramm

Am 10.Jänner 1991 hatte der sowjetische Präsident ein Telegramm an den Obersten Sowjet Litauens geschickt. Gorbatschow drohte, dass er als Präsident die Macht in Litauen zu übernehmen werde und forderte das Parlament kategorisch auf, verfassungswidrige Gesetze zurückzunehmen: „Der Oberste Sowjet muss in vollem Ausmaß seine Verantwortung vor den Völkern Litauens und der Sowjetunion wahrnehmen.“ Nichts wurde zurückgenommen. Am 13.Jänner gab es Tote.

Die litauische Generalstaatsanwaltschaft führt Gorbatschow – so war in Vilnius zu hören – aber dennoch nur als Zeugen, der zwei Mal eine Aussage verweigert hat. Anders sieht das der frühere Bürgerrechtler Wladimir Bukowski, einer der bekanntesten politischen Gefangenen der Sowjetunion, der 1976 gegen den zuvor ebenfalls inhaftierten KP-Chef von Chile ausgetauscht wurde.

 

Auch KGB-Veteranen klagen an

Bukowski, der in London lebt, will den ehemaligen Präsidenten der UdSSR hinter Gittern sehen. Als Gorbatschow im vergangenen März in London seinen Achtziger feierte, stellte er beim High Court of Justice einen umfangreichen Antrag, ihn zu verhaften.

Unter anderem verweist Bukowski auf die Ereignisse in Vilnius 1991. „Das Gericht lehnte den Antrag aus technischen Gründen ab. Sie sagten, dass sich Gorbatschow auf einer speziellen Mission in England befinde und daher durch diplomatische Immunität geschützt“, erzählt der Ex-Dissident, der nicht aufgeben will. Im Herbst werde Gorbatschow wahrscheinlich in Frankreich sein, im November in den Vereinigten Staaten. „Sobald wir wissen, wo er ist, werden wir Anträge stellen.“

Bukowski, ein erklärter Feind des KGB, hat in seinem Ansinnen übrigens unerwartete Koalitionspartner bekommen. Auch die KGB-Veteranen von Golowatows Alfa-Gruppe beklagten zuletzt, dass Gorbatschow versuche, „sich der Verantwortung für die dramatischen Ereignisse von Vilnius zu entziehen“.

Aber ungeachtet dieses Spins, der die KGBler ihrerseits von Schuld freisprechen soll: Der 13.Jänner 1991 lässt sich wohl nur klären, wenn auch die Rolle und Verantwortung der damaligen politischen Führung der Sowjetunion deutlich wird. Auch wenn die im Westen nach wie vor überhöhte Lichtfigur Gorbatschow dabei massive Risse bekommen könnte.

Herwig G. Höller ist Lehrbeauftragter am Slawistik-Institut der Uni Graz und Journalist beim „Falter“.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.07.2011)