Archaeopteryx entthront? "Urvogel" soll zu den Sauriern flattern!

(c) Xing Lida, Liu Yi
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Ausgerechnet zum 150. Jubiläum seiner Entdeckung soll das Tier vom „saurierähnlichen Vogel“ zum „vogelähnlichen Saurier“ zurückgestuft werden. Grund ist ein neuer Fund, der aber auch nicht der Urvogel war.

Kein Tier hat so viel Aufsehen gemacht, wie das, das vor 150 Jahren bekannt wurde: Archaeopteryx lithographica. Archaiois heißt uralt, pteryx sind Flügel, und die Lithografie hat auch damit zu tun: Die Fossilien wurden in Steinbrüchen entdeckt, deren Kalk sich vor 147 Mio. Jahren aus Sedimenten schichtete, damals gerieten die Tiere hinein. Im 19. Jahrhundert kamen sie wieder heraus, Lithografen liebten das Gestein. Sie kamen zur rechten Zeit: 1859 hatte Darwin im Origin of Species postuliert, dass es bei der Entstehung einer Art aus einer anderen Übergangsformen geben müsse. Damals waren keine bekannt, man nannte sie deshalb „missing links“.

Der erste, der eine Lücke füllte, war taubengroß, halb Vogel – Federn und Schwingen –, halb Reptil, der Schwanz war aus Knochen, der Kiefer mit seinen Zähnen auch. Der Naturforscher Richard Owen ersteigerte 1861 ein Exemplar für das British Museum of Natural History und gab dem Tier seinen Namen. Aber die Anerkennung verweigerte er ihm, er war tiefgläubig, die Evolution passte ihm nicht: Der schräge Vogel sei „zweifelsfrei ein Vogel“. Für dieses Urteil musste Owen die Fakten zurechtbiegen (das kostete ihn seine Karriere), 1868 widersprach ihm Thomas Huxley, „Darwins Bulldogge“: Archaeopteryx sei ein „missing link“, und zwar das zwischen Sauriern und Vögeln.

Das war prophetisch, erst 100 Jahre später wurden die Saurier als Vogelahnen wieder aufgegriffen. Da heizte Archaeopteryx immer noch die Debatte zwischen Evolutionisten und Kreationisten, manche hielten ihn für eine Fälschung. Das ist er nicht, aber der Urvogel soll er nun auch nicht mehr sein. Sondern ein gefiederter Saurier. Darauf deutete 2009 schon, dass seine Knochen nicht so gebaut waren (leicht) und wuchsen (rasch) wie die von Vögeln, sondern so wie die der Saurier (schwer, langsam). Flattern konnte er vielleicht doch, aber das konnten viele: In letzter Zeit fanden sich vor allem in China immer wieder neue Saurier mit Federn.

Nun ist Xing Xu (Shandong) auf einen gestoßen, der etwa so alt ist wie Archaeopteryx – 155 Mio. Jahre – und ihm auch sonst stark ähnelt: Xiaothingia Xengi. Aber er ist ein Deinychosaurus und kein Avialae. Beide kamen von den Sauriern, aber Erstere waren es auch noch: „vogelähnliche Saurier“, eine Sackgasse der Evolution, sie starben aus. Avialae hingegen sind echte Vögel, von Beginn an bis heute: „saurierähnliche Vögel“.
An dieser Differenz, die sich in Feinheiten der Morphologie zeigt, liegt alles: Weil Archaeopteryx Xiaothingia so ähnlich ist, soll auch er kein Vogel mehr sein (Nature, 28. 7.). Das werde „beachtliche Debatten (wenn nicht regelrechten Horror)“ bringen, fürchtet Lawrence Witmer, altgedienter Archaeopteryx-Spezialist der Ohio University. Und es wird die Suche nach dem Missing Link anheizen, die Position des „Urvogels“ ist vakant.

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