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Slowakei: Medien machen Stimmung gegen Roma-Familie

(c) Christoph Thanei
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Lokalaugenschein bei einer "Roma-Problemfamilie" in dem Städtchen Malacky an der Grenze zu Niederösterreich, die seit geraumer Zeit für Wirbel und eine medial zusätzlich aufgeheizte Welle des Hasses sorgt.

Während die Welt noch gebannt auf die Bluttaten in Norwegen starrt, spielt sich in der slowakischen Kleinstadt Malacky nördlich von Bratislava an der niederösterreichischen Grenze ein Musterbeispiel dafür ab, wie der Eskalation eines schwelenden Konflikts möglicherweise der Boden bereitet wird.

Schauplatz ist eine bis vor Kurzem noch ruhige Seitenstraße am Rande des Ortes. Der Zuzug eines „nahezu 40-köpfigen Roma-Clans“ habe den Bewohnern seit zwei Jahren „das Leben zur Hölle gemacht“, ist jetzt fast täglich aus den Massenmedien zu erfahren.

„Ich kann mich in die Haut des Mörders von Devinska Nova Ves hineinfühlen“, zitierten Medien den Nachbarn Oskar Dobrovodsky, der auf Lubomir Harmann anspielt, der vor einem Jahr bei Bratislava erst eine benachbarte Roma-Familie und dann wahllos andere Opfer, insgesamt acht Menschen, tötete. „Schmutz, Gestank und Ratten“ lautet der Titel eines mit dramatischer Musik unterlegten Videos, das seit Wochen auf der Internetseite einer Boulevardzeitung abrufbar ist und die für Nachbarn tatsächlich unerträglichen Zustände schaurig-abstoßend illustriert. Andere Videos zeigen Mitglieder des Clans, wie sie dem Nachbarn vulgär drohen, ihm Steine ans Fenster werfen und demonstrativ den nackten Hintern zeigen. Die Bilder scheinen wie bestellt dafür, alle gängigen Vorurteile gegen „die Zigeuner“ zu bestätigen.

 

Müll, Gestank, Ratten, Flegeleien

Die drei miteinander verwandten Roma-Familien störten in der Tat das „gut nachbarliche Zusammenleben“, gibt Miroslav Pollak, Roma-Beauftragter der Regierung, zu. Sie streiten oft und laut und stapeln in dem ans Nachbarhaus grenzenden Hof Müll, den sie gesammelt haben, um daraus Verwertbares zu holen. Das zieht Scharen von Ratten an, die nicht vor Grundstücksgrenzen haltmachen. Dass mangels sanitärer Anlagen in der mit 45 Quadratmetern für 33 Menschen viel zu kleinen Behausung (ein Häuschen, zwei illegale Zubauten) nicht nur die Kinder zwischen den Abfällen aufs Klo gehen, verstärkt die Belästigung. Doch müsse man den Konflikt als „zwischenmenschliches, nicht ethnisches Problem sehen“, fordert Pollak als fast einziger öffentlicher Mahner.

 

„Brauchen so einen Norweger“

Mit wenig Erfolg, wie reißerische Medienberichte und im Internet abgegebene Kommentare zeigen: „Auch in die Slowakei sollte so ein Idol kommen wie dieser Norweger, er könnte sich hier bis zur Sättigung austoben“, lautet ein Posting. Dass sogar andere Roma sich von der „Problemfamilie“ distanzieren, wird zwar hämisch erwähnt, hielt aber nationalistische Politiker nicht davon ab, wie immer alle Roma in einen Topf zu werfen. Und natürlich nützte auch die verbotene rechtsextreme „Slowakische Gemeinschaft“ (Slovenská Pospolitost) die willkommene Chance, sich mit einem Aufmarsch gegen die, wie es heißt, „grassierende Zigeunerkriminalität“ sichtbar zu machen. Dabei verwehrt sich sogar die Nachbarfamilie Dobrovodsky gegen Vereinnahmungen durch Rassisten: „Ich habe nichts gegen Roma. Auch die früheren Bewohner des Nachbarhauses waren Roma, aber anständige, mit denen es keine Probleme gab“, sagt Oskar Dobrovodsky senior im Gespräch mit der „Presse“ und legt verbittert nach: „Aber die hier bestehlen uns und verwüsten alles!“

„Stimmt nicht, alles nur Vorurteile“, behaupten die Beschuldigten. „Wenn Arbeitgeber sehen, dass wir Roma sind und noch dazu die Druzstevna-Straße als Adresse angeben, nehmen sie uns nicht, auch wenn sie noch so viele freie Stellen haben. Trotzdem arbeitet jeder von uns hier irgendwie irgendwas, einer sogar bei Volkswagen.“ Mit Vorurteilen haben schon ihre Kinder zu kämpfen: „Sogar meine Lehrerin schimpft über uns, weil wir aus der Druzstevna sind“, erzählt Roman S. (14).

 

„Sie verbreiten Lügen über uns“

Die Erwachsenen wollen im Unterschied zu den fröhlich um den Autor dieser Zeilen tobenden Kindern weder fotografiert noch namentlich zitiert werden. „Wegen schlechter Erfahrungen mit Journalisten“, sagen sie. „Die fallen wie die Paparazzi ein, filmen und fotografieren uns ohne zu fragen und verbreiten dann Lügen über uns!“

Lexikon

In der Slowakei leben eine halbe Million Roma, das sind etwa zehn Prozent der Bevölkerung. Ihre Hauptsiedlungsgebiete sind im Osten. Schon 1423 gab es erste urkundliche Nachweise von Roma in der Region, wenige Jahre später gab es nachweislich erste Übergriffe und Roma-Verfolgungen. Heute leben sie zumeist in tristen sozialen Verhältnissen, besitzen kaum Schulbildung, sind überdurchschnittlich oft straffällig und werden massiv angefeindet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2011)