Figaros Hochzeit klingt nur gut

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Zähflüssig bleibt der Theatergenuss bei Claus Guths Inszenierung. Ob Da Ponte und Mozart das nötig haben, begreift man auch im vierten Spieljahr nicht. Dem steuern exzellente Sänger und ein rasanter Dirigent entgegen.

Es stimmt schon, Mozarts scheinbar so quirlige Komödie ist voll menschlich-allzumenschlicher Zwischen- und Untertöne. Guth filtert sie heraus. Die Komödie bleibt dabei auf der Strecke. Vielleicht gerade weil sie nicht den Wünschen, Begierden und Obsessionen der handelnden Personen entsprießt, sondern den Aktionen eines Gegen-Cherubins, eines Liebes- und Todesengels, der über den Dingen schwebt, manchmal zwischendrin herumspringt.

Ob Da Ponte und Mozart das nötig haben, begreift man auch im vierten Spieljahr dieser Produktion nicht. Vor allem deshalb nicht, weil diesmal mit Robin Ticciati ein junger Dirigent zur Verfügung steht, der gegen das triste Treppenhaus-Ambiente mit rasanten Autobahn-Tempi agitiert. Das Orchestra of the Age of Enlightenment haut im wahrsten Sinn des Wortes auf die Pauke, verschleift angesichts von Ticciatis Tempi Phrasen wie schlampige Sänger Koloraturen. Viel mehr als Gedröhne in über die Aufführungsstunden bald lähmenden Dauerforte kommt dabei nicht heraus. Zwar zerbröselt der Klang der viel zu klein besetzten Streicher rasch, wenn der Kapellmeister auf Piano zu schalten versucht. Aber die Bläsersolisten kontern noch dem gehauchtesten Gesangston mit Holzhammerakzenten.

Ob das am unerfahrenen Dirigenten liegt – darf man bei den Salzburger Festspielen Mozart üben? – oder an mangelhafter Technik, ist schwer auszumachen angesichts der untauglichen Akustik des kleinen Festspielhauses, das nach dem Umbau alles andere denn ein Haus für Mozart ist.

Geteilte Freud ist halbe Freud

Dieserart halbiert, ist das Vergnügen immerhin für Freunde des Kunstgesangs den Abend wert, auch wenn sich selbiger über weite Strecken ausnimmt wie mittels Sourround-Anlage verstärkt. Eine so innig und balsamisch weich phrasierende Gräfin wie Genia Kühmeier ward lang nicht gehört. Ihren Grafen, Simon Keenlyside, verlässt der baritonale Mut nicht einmal, wenn ihm der Todesengel im Nacken sitzt! Und Marlies Petersen ist eine hinreißende neue Susanna, präsent, aber niemals übertrieben, von eminenter vokaler Beweglichkeit, ohne auch nur in der Rosen-Arie sinnentleerter Selbstgefälligkeit zu verfallen: Immer schwingen im Gesang Gefühl und Lebensklugheit mit.

Erwin Schrott ist ein Figaro, wie er im Büchel steht, manchmal singt er zu früh, manchmal zu spät und fast durchwegs in höchst subjektiver Rhythmisierung. Doch deshalb darf nur der Dirigent böse sein, denn was Schrott auf diese Weise singt, passt perfekt zur viril-schlauen optischen Rollencharakterisierung. Marie McLaughlin als Marcellina, Franz-Josef Selig als Bartolo, Patrick Henckens als Basilio geben die kleineren Partien durchwegs detailverliebt und stimmlich voluminös. Malin Christensson macht ihre wenigen Auftritte als Barbarina zu kleinen szenischen und zuletzt auch wohlig warmtönenden vokalen Vignetten. Nur der Cherubin von Katija Dragojevic wirkt ein wenig gebremst, vielleicht weil ihm vom beflügelten Doppelgänger (Ulli Kirsch) fortwährend die Show gestohlen wird.

Übertragung in Ö1: 30. Juli (19.30 Uhr). Aufführungen: 30. Juli, 4., 11. und 15. August.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.07.2011)

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